Medizintechnologie e.V.
Reinhardtstr. 29 b
D - 10117 Berlin
Tel. (030) 246 255 - 0
Fax. (030) 246 255 - 99
info@bvmed.de
Krankenhaus
BVMed-Forum über Nadelstichverletzungen: Einsatz von Sicherheitsprodukten – eine Verpflichtung gegenüber dem Personal
11.02.2005 - 9/05
Allein in Deutschland wird die Zahl der berufsbedingten Nadelstichverletzungen (NSV) auf rund 500.000 pro Jahr geschätzt. Dabei ist bekannt, dass die meisten NSV gar nicht gemeldet werden. Zu den hohen Kosten, die dem System durch die Infektionen entstehen, kommt die ethische Herausforderung hinzu, die Beschäftigten im Gesundheitswesen vor dieser Gefährdung zu schützen. Der Einsatz von Sicherheitsprodukten sei eine Verpflichtung gegenüber dem Personal. Dazu sei eine bessere Prävention dringend erforderlich, so die Experten des BVMed-Forums.
Dr. Gregor Buschhausen-Denker vom Hamburger Amt für Arbeitsschutz führte in die vor einem Jahr in Kraft getretene TRBA 250 "Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege" ein. Dieser arbeitsmedizinische Standard enthält die Regelung, dass das Personal, z. B. in Kliniken, vor der Infektionsgefahr durch spitze oder scharfe Arbeitsgeräte geschützt werden soll. Die Soll-Bestimmung sei mehr als ein „Kann“. Abweichungen seien damit nur mit Begründung zulässig. Die Umsetzung sei aber sehr zurückhaltend, so dass die Experten des Arbeitsschutzes bei der Weiterentwicklung der Vorschrift ein „differenziertes Muss“ für bestimmte Tätigkeitsbereiche einführen wollen.
Durch die Schaffung von Präventionsstrategien zur Vermeidung von Nadelstichverletzungen und die Optimierung der postexpositionellen Prophylaxe müsse eine signifikante Reduktion des Infektionsrisikos für die Beschäftigten im Gesundheitswesen erreicht werden. Zu den erforderlichen Maßnahmen sagte Buschhausen-Denker: „Wir kämen weiter, wenn wir das Thema auf europäischer Ebene forcieren würden.“ Er plädierte für die Aufnahme einer entsprechenden Regelung in der Europäischen Richtlinie 2000/54/EU zum Schutz der Arbeitnehmer vor biologischen Arbeitsstoffen sowie die sprachliche Überarbeitung und weitere Konkretisierung der TRBA 250.
Eine Kosten-Nutzen-Analyse zur Einführung sicherer Produkte stellte Andreas Wittmann von der Bergischen Universität Wuppertal vor. Ausgangspunkt der Studie ist, dass trotz der rechtlichen Anforderungen bisher keine flächendeckende Einführung von Sicherheitsprodukten erfolgt ist. Ursache sind die damit verbundenen höheren Kosten. Der finanzielle Nutzen der Einführung sicherer Instrumente werde dabei übersehen, so Wittmann. Belegt sind die hohen Kosten durch Infektionserkrankungen für die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen. In der Wuppertaler Studie an einem Krankenhaus der Maximalversorgung wurden nun die Mehrkosten für sichere Produkte und der Nutzen der Einführung sicherer Instrumente untersucht.
Anhand der sehr gut dokumentierten Stichverletzungen der Klinik wurden mehrere Szenarien für den Rückgang der Nadelstichverletzungen durchgerechnet. Die Kosten eines Nadelstichereignisses wurden anhand aller möglichen Konstellationen (Impfstatus, Postexpositionsprophylaxe etc.) berechnet. Die Übertragungswahrscheinlichkeiten sind bei Hepatitis B ca. 30 Prozent, bei Hepatitis C ca. 3 Prozent und bei HIV ca. 0,3 Prozent. Bei einer vollständigen Einführung von Sicherheitsprodukten belaufen sich die Mehrkosten auf 63 Euro pro Mitarbeiter bzw. 155 Euro pro Bett. Wittmann: „Berücksichtigt man alle Aspekte, ist der flächendeckende Einsatz für die Krankenhausbetreiber schon heute wirtschaftlich.“ Sein Fazit: „Durch Nadelstichverletzungen entstehen jedes Jahr vermeidbare Kosten in zweistelliger Millionenhöhe. Sichere Instrumente können diese Kosten entscheidend verringern.“
Karin Gödecke, Referatsleiterin Gesundheitsdienst, stellte eine Analyse der Unfallkasse Berlin zu Ursachen und Kosten von Nadelstichverletzungen vor, um daraus Präventionsmaßnahmen abzuleiten. Untersucht wurden rund 2.400 Arbeitsunfälle. Die Ergebnisse machen deutlich, wo Verbesserungen möglich und dringend erforderlich sind: Über 20 Prozent der Schnitt- bzw. Stichverletzten haben unter einem Jahr Berufserfahrung. Der Schulung und Unterweisung von Berufseinsteigern kommt deshalb besondere Bedeutung zu. Bei der Blutentnahme und bei der Entsorgung traten die meisten Unfälle auf. Als unfallverursachende Arbeitsmittel wurden Venenverweilsysteme, Skalpelle, Blutzuckersticks/-lanzetten und Penkanülen am häufigsten genannt. Die Kosten beruflich verursachter Infektionskrankheiten übersteigen dabei oft in einem einzigen Fall die aufgewendeten Kosten für die Behandlung und Untersuchung von Stichverletzungen eines ganzen Jahres. Beispielsweise belaufen sich die Kosten für einen Arzt, der sich mit Hepatitis B infizierte, auf mittlerweile rund 240.000 Euro. Gödecke regte bessere Aufklärungs- und Schulungsmaßnahmen und regelmäßige arbeitsmedizinische Vorsorge an. In Bereichen mit erhöhtem Unfall- und Infektionsrisiko sei der Einsatz geeigneter sicherer Arbeitsmittel notwendig.
Ludger Brinker von der Präventionsabteilung der Unfallkasse Baden-Württemberg (UKBW). präsentierte die Ergebnisse einer Umfrage über Nadelstichverletzungen im Jahr 2004. Es zeigte sich, dass 33 Prozent der gemeldeten Unfälle auf Stichverletzungen zurückgehen. Der Unfallkasse wurden bei rund 104.000 Mitarbeitern der Kliniken ca. 4.000 Nadelstichverletzungen angezeigt. Die Dunkelziffer sei um einiges höher. Ziel sei es, die Betriebe dazu zu bringen, über sichere Systeme nachzudenken. Derzeit würden in 25 baden-württembergischen Kliniken sichere Systeme eingesetzt, allerdings erfolgte keine Komplettumstellung. Die größten Mängel sieht Brinker in dem unzureichenden Meldewesen, der fehlenden schriftlichen Festlegung der Sofortmaßnahmen sowie der unzureichenden Unterweisung des Personals und den unzureichenden Entsorgungssystemen. Die UKBW plant in den nächsten Monaten eine Informationsoffensive mit eigener Webseite (www.infektionsfrei.de), damit sichere Systeme zumindest in Risikobereichen eingesetzt werden. Leider gebe es aber noch kein Bonus-Malus-System der Unfallkasse.
Dr. Frank Haamann stellte ein Projekt der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) vor, um den neuen Sicherheitsprodukten zu einem Durchbruch zu verhelfen. Im Mittelpunkt einer Aufklärungskampagne zu spitzen und scharfen Instrumenten mit Sicherheitsvorrichtungen steht ein Informationskoffer, mit dem geschultes Personal (technische Aufsichtsbeamte) Kliniken und Praxen mit den neuen Produkten vertraut machen. Dr. Haamann: „Wir wollen eine neue Sicherheitskultur vermitteln. Ein wichtiger Bestandteil sind Sicherheitsprodukte. Die technische Prävention hat hohe Priorität.“ Zukünftig müsse der Einsatz der sicheren Instrumente selbstverständlich sein.
Über die Einführung von Sicherheitsvenenverweilkanülen in der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin berichtete Hartmut Uebach, Pflegebereichsleiter Anästhesie am Klinikum Wetzlar-Braunfels. Der Einführungstest zeigte, dass es keine gravierenden Unterschiede im Handling zum Vergleich der jeweiligen Standardvenenverweilkanüle gibt. Uebach appellierte an die Unfallversicherer, die Einführung von Sicherheitsvenenverweilkanülen in potenziell gefahrgeneigten Tätigkeitsfeldern, z. B. Rettungsdienst oder Notaufnahme, durchzusetzen. Seine Empfehlung an alle, die Venenverweilkanülen legen: „Informieren Sie Ihre Arbeitgeber über die TRBA 250, sowie über Sicherheitsvenenverweilkanülen und beantragen Sie die entsprechende Beschaffung.“
In der anschließenden Plenumsdiskussion wurde von vielen Beteiligten beklagt, dass Pflichten zum Schutz der Arbeitnehmer in den Kliniken nur unzureichend wahrgenommen werden. Dr. Bernhard Schappler-Scheele vom Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Hannover äußerte sich nach der Besichtigung von über 150 Krankenhäusern skeptisch: In den Kliniken sei selbst die Biostoffverordnung oft nicht bekannt. Man müsse die Klinikbetreiber verstärkt darauf hinweisen, dass die Verantwortung für Nadelstichverletzungen beim Arbeitgeber liege. Würden die bestehenden Gesetze eingehalten, dann sei schon sehr viel gewonnen.
Zuversichtlich äußerte sich Johanna Knüppel vom Berufsverband der Pflegekräfte (DBfK): Es habe sich in den eineinhalb Jahren seit dem letzten BVMed-Workshop viel bewegt. Die Sensibilität für das Thema habe in der Öffentlichkeit zugenommen. Nun müsse an verschiedene Gruppen appelliert werden, ihre Verantwortung bei der Vermeidung von Nadelstichverletzungen wahrzunehmen, beispielsweise die Verwaltungsleiter und Einkäufer der Kliniken, aber auch die Führungskräfte in der Pflege.
Hinweis an die Medien: Digitale Bilder zur Veranstaltung können im Internet unter www.bvmed.de (Bilder - Veranstaltungen) abgerufen werden. 300-dpi-Bilder können bei der BVMed-Pressestelle (Mail an beeres@bvmed.de) angefordert werden.
Diese Inhalte könnten für Sie ebenfalls interessant sein:
Informationsfilm
Vermeidung von Nadelstichverletzungen
Etwa 4,2 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten im Gesundheitswesen: Als Ärzte, Schwestern, Pfleger. Hinzu kommen noch einmal ungezählte Reinigungskräfte, die im Hintergrund für den sicheren Betrieb in den Praxen und Kliniken sorgen. Sie alle setzen sich täglich einem großen Verletzungsrisiko aus, während sie für andere Menschen sorgen. Und damit dem Risiko, sich bei den Patienten selbst mit Krankheiten an zu stecken. Die moderne Medizintechnologie kann diese Gefahr bannen: Mit Arbeitsgeräten, die Schnitt- oder Stichverletzungen verhindern helfen.
> Vermeidung von Nadelstichverletzungen
Aktuelle Themen
- Dekubitus
- Erhebungsbogen
- Erstattung
- Hilfsmittel
- Homecare
- Inkontinenz
- Kodex
- Medizinprodukte
- Medizinprodukteberater
- Medizinprodukterecht
- Nadelstichverletzungen
- Tracheostoma
- UDI
- Versorgungsstrukturgesetz
- Wundversorgung




