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Innovationen
BVMed-Konferenz zur Zukunft der klinischen Versorgung: „Qualität statt Kosten muss im Mittelpunkt stehen“
30.11.2006 - 80/06
Der Berliner Gesundheits-Staatssekretär Dr. Hermann Schulte-Sasse schlug insbesondere im ambulanten Bereich ein Modell für einen verbesserten Innovationszugang von Medizintechnologien vor. „Für innovative Verfahren, denen auf der Basis von Studien niederer Evidenzklassen eine hinreichende Plausibilität für einen medizinischen Nutzenzuwachs beigemessen werden kann, ist ein befristeter und bedingter Zugang zur Versorgung zu gewähren“, so Schulte-Sasse. „Eine solche Zugangskontrolle würde Patienten frühzeitig von innovativen Behandlungen profitieren lassen, die medizinische Forschung bei uns weiterentwickeln und einen Beitrag leisten für den Gesundheitswirtschaftsstandort Deutschland.“ Eine auf der BVMed-Konferenz erstmals vorgestellte Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) verdeutlichte, dass die Medizintechnik keineswegs der Kostentreiber in den Kliniken sei.
Anton J. Schmidt, Vorstandsvorsitzender des BVMed und Vorsitzender der Geschäftsführung der Ethicon GmbH, forderte in seiner Eröffnungsrede, dass das Potential der Gesundheitswirtschaft bei der Gesundheitsreform mitbedacht werden müsse. Er beschrieb aus Sicht der MedTech-Branche drei kritische Bereiche der Reform: die K.O.-Ausschreibungen bei Hilfsmitteln, die Organisation des Gemeinsamen Bundesauschusses (G-BA) als Black-Box sowie die finanziellen Belastungen der Kliniken. Die innovative MedTech-Branche stehe dadurch unter erhöhtem Kostendruck. Schmidt sprach sich für finanzielle Ausgleichsmechanismen im stationären Bereich aus. Ein Teil der Steuereinnahmen sollte in die Gesundheitswirtschaft investiert werden. Im Hilfsmittelbereich sprach er sich für einen fairen Vertragswettbewerb mit einem Beitrittsrecht für alle qualifizierten Leistungserbringer aus. Große Hoffnungen setzt der BVMed-Vorsitzende in ein gemeinsames Innovationsmanagement mit den Krankenkassen: „Wir müssen den medizinischen Fortschritt als Chance sehen, nicht als Kostenfaktor.“
Dr. Hermann Schulte-Sasse, scheidender Gesundheits-Staatssekretär in Berlin, sprach Irritationen und Missdeutungen bei der Diskussion von „evidenzbasierter Medizin“ an. Da es in der Medizin wie in fast allen empirischen Wissenschaften nicht um Wahres oder Unwahres gehe, unterscheide dieses Konzept unterschiedliche Evidenzgrade bei der Nutzenbewertung medizinischer Verfahren, denen unterschiedliche Irrtumswahrscheinlichkeiten für die Annahme eines Nutzens eigen sind. „Mit Sorge beobachte ich allerdings eine Entwicklung, die von den Vätern dieses Konzepts ausdrücklich nicht gewollt wurde. Ich meine den Missbrauch dieses Konzepts für Zwecke der Verbesserung der Effizienz der medizinischen Versorgung“, so der Staatssekretär. Bei den medizintechnischen Innovationen komme es – vor allem im ambulanten Bereich - häufig zu einer besonders fatalen Entwicklung: „Es werden Studien zum Nutzennachweis aus der höchsten Evidenzklasse abgefordert, die diese Innovationen häufig nicht beibringen können, sei es aus organisatorischen, zeitlichen oder wirtschaftlichen Gründen“, so Schulte-Sasse. Je nach Krankheit und ihren bisherigen Behandlungsmöglichkeiten und je nach dem Potential des neuen Verfahrens müssten auch Studien geringerer Evidenzklassen gegebenenfalls ausreichend sein, um den Zugang zum GKV-System zu gewähren.
Geschäftsführer Udo Müller und der wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Matthias Offermanns vom Deutschen Krankenhausinstitut (DKI) stellten die Ergebnisse der Studie „Die Entwicklung der Krankenhausinanspruchnahme bis zum Jahr 2010 und die Konsequenzen für den medizinischen Bedarf der Krankenhäuser“ im Auftrag des BVMed vor. Ein Kernergebnis sei, dass Medizintechnologien in den deutschen Kliniken keineswegs die „Kostentreiber“ seien, als die sie oftmals angesehen werden. „Es kann nicht festgestellt werden, dass die medizinisch-technischen Innovationen im Bereich der Verbrauchsgüter, die zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Versorgung beitragen, einen überproportionalen Kostenanstieg in den Krankenhäusern ausgelöst haben“, so Müller. Der prozentuale Anstieg des medizinischen Bedarfs je Patient lag in der Vergangenheit niedriger als der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts je Einwohner: „Medizinisch-technische Innovationen werden im Gesundheitswesen weiterhin für ein Wachstum sorgen, das in etwa in Höhe der Zuwachsraten des BIP liegt.“
Die stationären Fallzahlen nehmen nach den Studienergebnissen des DKI im Prognosezeitraum bis 2010 mit durchschnittlich zwei Prozent nur geringfügig zu. Voraussetzung für diese Prognose sei aber, dass auch in den nächsten Jahren der medizinische und medizintechnische Fortschritt eine Zunahme der ambulanten Behandlungsmöglichkeiten - insbesondere durch einen Anstieg der ambulanten Operationen – ermögliche. Ohne diesen Effekt würde die Prognose zu stationären Fallzahlen führen, die um etwa 1 Million Fälle höher ausfielen, so die DKI- Studie im Auftrag des BVMed. Das DKI-Fazit zur Finanzierung von Innovationen der MedTech-Branche fällt kritisch aus: „Die Grundlohnorientierung der Vergütung der stationären Krankenhausleistungen behindert die Umsetzung innovativer Behandlungsmöglichkeiten. Die erwarteten Kostenzuwächse beim medizinischen Bedarf der Krankenhäuser sind nicht durch Einsparungen in anderen Bereichen zu kompensieren. Von daher sind zur Finanzierung des medizinischen Fortschritts zusätzliche finanzielle Mittel erforderlich.“
Rolf Dieter Müller, Vorstandsvorsitzender AOK Berlin, ging auf die Rolle der Kassen in der klinischen Versorgung der Zukunft ein. Die Politik verspreche sich Kostensenkungen durch mehr ambulante und neue Versorgungsformen. Die Krankenhäuser greifen die neuen Möglichkeiten in der ambulanten Versorgung für sich auf. Viele niedergelassene Ärzte sehen kooperative Strukturen als Alternative zu einem unkalkulierbaren finanziellen und organisatorischen Risiko der Einzelpraxis an. „Daher werden Vernetzungen zwischen ambulanter und stationärer Medizin stark zunehmen. Bei dieser Entwicklung müssen Krankenkassen eine steuernde Funktion übernehmen“, so Müller. Eine große Bedeutung sieht Müller künftig für große Medizinische Versorgungszentren (MVZ). „MVZs werden einen wichtigen Stellenwert in der Versorgung haben, wenn sie die Qualität der Behandlung steigern, die Effizienz der Versorgung verbessern, die Steuerung der Kosten ressourcengerecht gestalten und dadurch ein attraktiver Partner im Wettbewerb sind.“ Krankenhäuser seien als Träger eines MVZ dort sinnvoll, wo adäquate Versorgungsstrukturen im niedergelassenen Bereich fehlen. Sein Fazit: „Krankenhäuser werden sich zunehmend spezialisieren. Der ambulante Sektor wird sich zunehmend vernetzen und größere Versorgungseinheiten anbieten.“
Rüdiger Strehl, Generalsekretär des Verbandes der Universitätsklinika (VUD) und Vorstand der Universitätsklinik Tübingen, beschrieb die Zukunft der Universitätsmedizin. Der VUD vertritt 33 Betriebe mit 38 Standorten. Die Universitätskliniken in Deutschland stehen für 10 Prozent der deutschen Planbetten, 12 Prozent der Fallzahlen und 15 Prozent der Kosten. Kritisch im Rahmen der GKV-Finanzierung ist für Strehl, dass Innovationen in diesem System kein Ausnahmetatbestand sind. Die Regelungen der Gesundheitsreform, die fortlaufende Budgetierung und die Personalkostensteigerungen sorgen für einen Kostendruck, „der auch in den Sachkostenbereich hineinreicht“. „Die Zitrone ist ausgequetscht“, so Strehls Fazit zum GKV-System. Nichtstationäre Perspektiven der Kliniken wie ambulantes Operieren oder MVZs seien vorhanden. Die große Schwäche des ambulanten Bereichs sei aber die „Innovationsfeindlichkeit durch den Erlaubnisvorbehalt für neue Verfahren“.
Neue Ansätze der Krankenhausfinanzierung stellte Harald Wenzel, Executive Director der WestLB, vor. Historisch betrachtet wurden Finanzierungen für Krankenhäuser mit Krediten durchgeführt. Innovative Finanzierungsmodelle sind neue, auf individuelle Bedürfnisse, Erfordernisse und Möglichkeiten zugeschnittene Finanzierungslösungen, die teilweise am Kapitalmarkt platziert werden. Es gibt Eigenkapital-Modelle wie Direktbeteiligung durch Banken, Private Equity Gesellschaften oder strategische Investoren, Börsenkapital oder Mezzanine-Kapital. Zu den Fremdkapital-Modellen gehören Schuldscheindarlehen, der syndizierte Kredit, die Anleihe bzw. Hochzinsanleihe, das US Private Placement, die Projektfinanzierung oder das Asset Backed Security Programme (ABS). Der Finanzierungsbedarf sei vorhanden. Entscheidend sei auch bei den Kliniken der Business Plan: Wie will sich das Krankenhaus künftig aufstellen? Die noch bestehende Zurückhaltung auf Klinikseite werde bei den neuen Finanzierungsmodellen künftig schwinden.
Die Beziehungen zwischen Kliniken und Industrie analysierte Raoul Gertges, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb von Krauth medical. Die Aufgaben der Industrie beginnen beim klassichen Vertrieb: Produktvorstellung, Konditionsvereinbarung sowie Übernahme von Logistik und Zahlungsverkehr. Hinzu kommen die Schulung und Weiterbildung der anwendenden Ärzte, die OP-Begleitung, die Durchführung von Studien. Beim Nutzen-Aspekt geht die Entwicklung weg vom Produktpreis hin zu Nutzungspauschalen. Patienten und zuweisende Ärzte werden informiert und aufgeklärt, Selbsthilfegruppen unterstützt. Mit den Kliniken gibt es Service-Pakete, Wartungsverträge und Innovationsleasing. Dazu Abrechnungsmodelle und Hilfe bei DRGs und Behandlungspfaden. Künftig werde sich die Beziehung zwischen Kliniken und Industrie wegentwickeln von einer „Verkäufer-Käufer-Beziehung“ hin zu einer Partnerschaft, in der gemeinsam Angebote entwickelt werden. Gertges: „Dazu sind zwei Aspekte erforderlich: die Verbindlichkeit der Beziehung und die Profitabilität.“
Hinweis: Die DKI-Studie ist nach der BVMed-Konferenz im Internet verfügbar unter der Adresse www.bvmed.de (Publikationen – Studien).
Hinweis für die Medien:
Hochauflösende Bilder zur BVMed-Konferenz zur kostenfreien Nutzung finden Sie hier.
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