Innovationen

BVMed-Konferenz zu MedTech-Innovationen: „Richtiger Umgang mit den Ideen der Ärzte ist ein wichtiger Erfolgsfaktor“

11.05.2006 - 34/06

Berlin/München. Der strukturierte Umgang mit den Ideen der Ärzte für neue Produkte und Verfahren der Medizintechnologie ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Innovationskraft der MedTech-Branche. Das verdeutlichte die BVMed-Sonderveranstaltung „Förderung von Ideen aus der Medizin – Wie finden Innovationen den Weg in die Unternehmen der Medizintechnologie?“ am 10. Mai 2006 in München. Immerhin rund 50 Prozent der Ideen für neue Medizinprodukte kommen von Anwendern. „Der Umgang mit Kunden-Ideen kann für beide Seiten sehr gewinnbringend sein. Es ist ein Großteil unseres Erfolges, dass wir den Kunden in die Entwicklung mit einbeziehen“, so Dr. Peter A. Meier von Ethicon vor rund 70 Teilnehmern aus Unternehmen, Kliniken und Wissenschaft.


Wichtig sei, dass bei der Produkt- oder Prozessinnovation der Patient im Vordergrund stehe. „Nicht die Produkteigenschaft steht im Vordergrund, sondern der Nutzen für den Patienten“, so Thom Rasche von Earlybird. Bei der Frage, wie aus einer Idee eine Innovation in der medizinischen Anwendung wird, geht es vor allem auch um die Finanzierung der Produktentwicklung und -einführung. Die BVMed-Konferenz präsentierte dabei die ganze Bandbreite von Technologietransfermitteln über öffentliche Fondsgelder bis hin zu Venture Kapital. Die Veranstaltung zeigte auch rechtliche Grundlagen und Hilfestellungen auf, die notwendig sind, um eine Idee zur Marktreife zu bringen. Darüber hinaus wurden Beispiele für die Gründung eines eigenen Unternehmens sowie Instrumente zum Umgang mit neuen Ideen für etablierte Unternehmen vorgestellt.

Deutschland ist mit 20 Milliarden Euro Ausgaben für MedTech der drittgrößte Markt der Welt nach USA und Japan – und damit dementsprechend attraktiv, so Joachim M. Schmitt, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des BVMed. Deutschland habe in den zukunftsträchtigen Innovationsfeldern der Medizintechnologie durch die große Zahl gut ausgebildeter Ärzte, Forscher und Ingenieure und durch den hohen Standard der klinischen Forschung beste Voraussetzungen, neue Produkte und Verfahren zur Marktreife zu führen. Die Vorteile liegen auch in den kürzeren Zulassungszeiten und in der sehr guten und kostengünstigeren klinischen Forschung. Erhebliche Defizite bestehen in Deutschland allerdings bei der Einführung von Innovationen in die Vergütungssysteme, sodass sie dann auch zeitnah beim Patienten ankommen. Deswegen fällt das Marktwachstum in Deutschland nicht so dynamisch aus wie anderswo. Die Herausforderung für die Unternehmen laute „Nutzenwirksamkeit und Kostennutzen“: „Innovationen, die erfolgreich Zugang zu den Erstattungssystemen erreichen wollen, müssen künftig sowohl medizinisch-technischen als auch ökonomischen Fortschritt darstellen“, so Schmitt.

Wie geht ein Weltunternehmen mit Ideen der Ärzte um? „Man muss vor allem klare Regeln im Umgang mit Ideen der Kunden festlegen und kommunizieren“, so Dr. Peter A. Meier, Manager Discovery Programs bei dem Johnson & Johnson-Unternehmen Ethicon in Norderstedt. Gerade in der hochinnovativen MedTech-Branche sollten die Ideen der Ärzte ernst genommen werden. Denn bei 52 Prozent der Medizinprodukte kommen die Ideen für das neue Produkt ursprünglich von Anwendern. Bei Ethicon werden Ideen auf einer weltweiten Unternehmens-Datenbank hinterlegt. Es gibt Fragebögen und Formulare, die eine Vorabklärung und Einordnung ermöglich. Außerdem bearbeitet ein eigenes Innovationsteam im Unternehmen die Ideen. Letztendlich gebe es aber keine einheitliche Lösung für alle Bereiche. Die einzelnenen Unternehmensbereiche müssten die Prozesse nach Bedarf anpassen. Patentrechtliche und kundenspezifische Fallstricke müssten beachtet werden. Die „Erfinder“ können dabei öfter in den Entwicklungsprozess mit einbezogen werden als ihre Erfindungen, so Dr. Meier.

Rechtliche Aspekte der Zusammenarbeit mit Ärzten und medizinischen Einrichtungen stellte Dr. Ulrich Steffen, Medizinrechtler und Partner der Anwaltskanzlei Taylor Wessing in Hamburg, dar. Unproblematisch („im grünen Bereich“) seien klinische Prüfungen. Im „gelben Bereich“ sei man bei Dienstleistungsverträgen, Drittmittelforschung und Anwendungsbeobachtungen. Der „rote Bereich“ sei bei Spenden, Fortbildungsveranstaltungen und Sponsorenverträgen erreicht. Bei Fortbildungsveranstaltungen sei die Einladung von Ärzten grundsätzlich möglich. Die Fortbildung muss aber fachbezogen sein und sich in finanziellem Rahmen halten. Für die Zusammenarbeit sollten folgende Prinzipien beachtet werden, um auf der „sicheren Seite“ zu sein:

:: Trennungsprinzip: Klare Trennung zwischen Zuwendung und Umsatzgeschäften;
:: Transparenz- und Genehmigungsprinzip: Offenlegung von Zuwendungen an Beschäftigte medizinischer Einrichtungen gegenüber dem Träger der Einrichtung;
:: Äquivalenzprinzip: Leistung und Gegenleistung müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen;
:: Dokumentationsprinzip: Alle Leistungen sind schriftlich zu vereinbaren.

Thom Rasche vom Venture-Kapitalgeber (VC) Earlybird thematisierte Marktchancen und Quantifizierung von medizinischen Innovationen aus Sicht des Gebers von Investitionskapital. Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist der „realisierbare Kundennutzen“. Im Vordergrund stehe der Nutzen für den Patienten, nicht die Produkteigenschaft. Weiterhin muss das Geschäftskonzept überzeugen. Dazu gehören Aspekte wie Entwicklungszeit, Entwicklungsaufwand sowie Patente und Rechte. „Alleinstellungsmerkmale sind ein Muss“, so Rasche. Zu der Frage, ob das Produkt eine ausreichende Wachstumsperspektive biete, gehöre die Analyse des zugrunde liegenden Marktes. Von hundert Anträgen werden nur zwei bis drei in das VC-Portfolia aufgenommen. Dabei müsse ein Potenzial von mehr als 100 Millionen Euro Umsatz gegeben sein. Innerhalb von vier bis fünf Jahren sollten relevante Umsätze erzielt werden. Hauptgrund für das Scheitern eines Portfoliounternehmens sei oft die schlechte Leistung des Top-Managements. Von 10 Projekten würden nur zwei bis drei auch erfolgreich sein. Deshalb erwarte Earlybird einen zehnfachen Kapitalrücklauf. VC-Kapitaleinsatz sei eine „Ehe auf Zeit“, die idealerweise mit dem Börsengang ende, mit dem beide Seiten gewinnen. Den Kapitalbedarf in der Medizintechnik bezifferte Rasche auf etwa 5 bis 20 Millionen Euro. Der „Exitwert“ liege bei mindestens 50 bis 200 Millionen Euro. Der Gründeranteil sollte am Ende der Finanzierung bei 10 bis 20 Prozent liegen.

Wie eine neue Idee am besten patentiert werden kann, schilderte Volkmar Kruspig, Geschäftsführender Partner der Patentanwälte Meissner, Bolte & Partner in München. Zu einer Schutzrechtsstrategie gehöre zunächst, dass eine eventuelle Verletzung fremder Rechte überprüft werden müsse. Der Patentierungsprozess biete dem Erfinder Markt- und Marketingvorteile. Ein Patent wird nach 18 Monaten offen gelegt und läuft insgesamt 20 Jahre. Zusätzlich zum Patentverfahren sollte eine „Offenbarung“ der Idee mit einer gezielten Publikation erfolgen, damit in den 18 Monaten bis zur Offenlegung „nichts passieren kann und sie schon einmal den Stand der Technik gesetzt haben“, so Kruspig. Beim Patentantrag empfiehlt der Patentexperte eine Doppelanmeldung am gleichen Tag, verbunden mit dem Antrag auf amtliche Recherche, mit dem man innerhalb von 8 bis 10 Monaten eine Patentfähigkeitsprognose erhalte. Nach dem Patenterteilungsbeschluss und dem Erscheinen der Patenterteilung gebe es eine dreimonatige Einspruchsfrist. Empfehlenswert sei eine internationale Anmeldung, die für rund 3.500 Euro Rechtsschutz in rund 130 Staaten biete.

Dr. Robert Farkas, Geschäftsführer des Aachener Kompetenzzentrums Medizintechnik (AKM), stellte die Aufgaben und Wirkungsweise der Kompetenzzentren vor. Insgesamt gibt es in Deutschland seit dem Jahr 2000 acht Zentren für den Technologietransfer in der Medizintechnik. Dabei gehe es um Forschung und Entwicklung, also die Anfangsphase vor der Produktentwicklung. Das Innovationsmanagement bezeichnete Dr. Farkas als eine Mischung aus Expertise, Kommunikation und Kooperation. Die AKM-Dienstleistungen umfassen Projektmanagement, Analysen und Expertisen, Veranstaltungen sowie Netzwerk-Kommunikation.

Den High-Tech Gründerfonds, der Finanzierungsmöglichkeiten zur Unternehmensgründung bietet, stellte Geschäftsführer Dr. Michael Brandkamp vor. Es handelt sich um einen öffentlichen Fonds, der seit September 2005 arbeitet. Das Volumen beträgt derzeit 262 Millionen Euro. Investoren sind das Bundeswirtschaftsministeriums, die KfW sowie die Unternehmen BASF, Telekom und Siemens. Zielgruppe sind kleine, junge und innovative High-Tech Unternehmen in der Gründungsphase („Seedphase“). Pro Projekt werden bis zu 500.000 Euro Risikokapital als Gründungsfinanzierung zur Verfügung gestellt. Dazu kommen 50.000 Euro Eigenkapital und 50.000 Euro von einem Co-Investor. „Diese Gründungsfinanzierung reicht idealerweise bis zum ‚proof of concept’ oder einem Prototyp“, so Dr. Brandkamp. Geld allein reiche aber nicht. Deswegen gebe es eine intensive Betreuung durch Coaches. Ziel sei nach dem Projekt die Weiterfinanzierung durch VC-Kapitalgeber. Bislang wurden bereits 320 Anfragen bearbeitet und 36 Beteiligungszusagen an Technologieunternehmen erteilt.

Am Ende der BVMed-Veranstaltung standen zwei Praxisbeispiele:

:: Thomas Otto, Vorstandsvorsitzender der PPA Technologies AG, stellte die Erfahrungen seines jungen Start-up-Unternehmens im Bereich der Medizintechnologie vor. PPA entwickelt ein neuartiges Herz-/Kreislauf-Unterstützungssystem, bei dem mit einem Doppelkammerbeutel beide Herzkammern bei Herzschwäche und Herzversagen unterstützt werden. Es handelt sich um ein aktives System, das minimal-invasiv eingebracht und entfernt werden kann. Die Idee wurde 1999 entwickelt. Erfolgreiche Laborversuche fanden zwischen 2001 und 2004 statt. Die Gründung des Unternehmens erfolgte Ende 2004. Die erste Finanzierungsrunde wurde im April 2006 erfolgreich abgeschlossen. Die Markt- und Serienreife ist für 2008 geplant. Für das Jahr 2009 wird die FDA-Zulassung in den USA angestrebt.

:: Astrid Niewöhner, Senior Productmanagerin Osteostomy Care, stellte den Innovationsprozess bei Coloplast im Bereich Stoma-, Wund- und Inkontinenzversorgung vor. Der Prozess erfolge in fünf Schritten mit jeweils einem „Gate“, bei dem eine Freigabe für die nächste Stufe durch Führungspersonal erfolgen muss. Am Anfang dieses AIM-Prozesses („Accelerate Ideas to Market“) für Produktinnovationen steht das Patientenbedürfnis, beispielsweise das Bedürfnis nach einem neuen Katheter für Frauen, der kürzer ist und eine bessere Handhabung bietet. Die einzelnen Schritt nach der Idee: Projekte, die vielversprechend erscheinen, werden für weitere Prozesse freigegeben. Freigegebene Projekte erhalten dann die notwendigen Ressourcen, um das Produkt zu entwickeln. Nach der Produktentwicklung erfolgt die Freigabe für den Testmarkt. Nach der Überprüfung der Ergebnisse erfolgt die Freigabe für die internationale Markteinführung.

Moderiert wurde die BVMed-Konferenz von der Medizinjournalistin Renate Harrington.

Hinweis an die Medien: Digitale Bilder zur Veranstaltung können im Internet unter www.bvmed.de/bilderpool/Bilder_von_Veranstaltungen abgerufen werden. 300-dpi-Bilder können bei der BVMed-Pressestelle (Mail an beeres@bvmed.de) angefordert werden.


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