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Innovationen
Wir brauchen einen Mentalitätswechsel: Innovationen der Medizintechnologien als Chance begreifen, nicht als Kostenfaktor
Gesundheitsleistungen: Der neue Wachstumsmotor
Meine Damen und Herren,
alle 40 bis 60 Jahre durchlaufen Marktwirtschaften einen tiefgreifenden Wandel. Diese so genannten "Kondratieffzyklen" sind lang anhaltende Innovationsschübe, die von der Anwendung bahnbrechender Basisinnovationen ausgelöst werden. Beispiele dafür sind die Dampfmaschine, die Elektrotechnik oder die Informationstechnologien.
Nach Expertenmeinung stehen wir jetzt am Beginn eines neuen Innovationsschubes, dessen Leitsektor der Gesundheitsmarkt sein wird. Diese Prognose wird gestützt durch verschiedene Wachstumsfaktoren wie den medizintechnischen Fortschritt oder die demographische Entwicklung.
Deutschland sollte hier Vorreiter sein, das Zukunftspotential des Gesundheitsmarktes nutzen und sich zu einem "Kompetenzzentrum Gesundheit" entwickeln. Dafür müssen wir den Gesundheitsbereich als Wachstumsmarkt begreifen. Das heißt aber auch: Wir müssen Umdenken! Wir müssen Gesundheitsleistungen als Investition ansehen, nicht als Ausgabenfaktor. Und wir müssen den medizinischen Fortschritt und Innovationen der Medizintechnologie als Chance ansehen, nicht als Kostenfaktor.
„Gesundheitswirtschaft“ mit wettbewerblichen Elementen
Wir müssen aufpassen, dass Deutschland die sich bietenden Chancen des Wachstumsmarktes Gesundheit nicht verspielt. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind alles andere als erfreulich. Sie stellen zu viele Hindernisse dar und sind innovationsfeindlich. Hierzu zählt vor allem, dass in Deutschland die Finanzierung des gesetzlichen Krankenversicherungssystems (GKV) an die Lohnentwicklung gekoppelt ist. In Zeiten konjunktureller Schwäche und eines hohen Rentneranteils bedeutet diese Abhängigkeit erhebliche Finanzierungsprobleme für das Gesundheitssystem. Hinzu kommt, dass die relativ hohen Lohnnebenkosten die Schaffung neuer Arbeitsplätze verhindern. Beitragssatzstabilität und Budgetierung heißen die Maximen, die vor dem Hintergrund des medizinischen Fortschritts und der demographischen Entwicklung ein Gefängnis darstellen, aus dem wir uns dringend befreien müssen.
Dem dynamischen Wandel der medizinischen Möglichkeiten und Dienstleistungen muss nun auch ein dynamischer Wandel des Gesundheitssystems folgen.
- Wir müssen weg von dem lohngebundenen Beitragsssystem.
- Wir brauchen eine neue Gesundheitswirtschaft mit mehr wettbewerblichen Elementen.
- Wir brauchen mehr Wahlfreiheiten und mehr Eigenverantwortung der Versicherten.
- Wir müssen die Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung verbessern.
- Wir brauchen vor allem mehr Versorgungsforschung. Hier müssen auch die Krankenkassen eine stärkere Rolle spielen. Bislang dürfen sie ja kein Geld für Forschung ausgeben, was völlig unverständlich ist.
- Wir benötigen insgesamt ein innovationsfreundlicheres Klima, damit neue Behandlungsmethoden und Verfahren der Medizintechnologie schneller beim Patienten ankommen, wo sie Leben retten, Gesundheit erhalten und Lebensqualität verbessern.
Medica rückt Medizintechnologien in den Fokus
Die MEDICA 2003, die nächste Woche in Düsseldorf beginnende größte Medizinmesse der Welt, rückt innerhalb der Gesundheitswirtschaft eine Branche in das öffentliche Interesse, die ansonsten immer noch im Schatten beispielsweise der Pharmaindustrie steht: Medizinprodukte bzw. Medizintechnologien.
Immer noch wird die große Bedeutung der Medizinprodukte für die deutsche Wirtschaft und die Gesundheit der Bevölkerung nicht ausreichend gewürdigt. Dabei sind Medizinprodukte unentbehrlich für Gesundheit und bessere Lebensqualität.
- Medizinprodukte und Medizintechnologien spielen eine wichtige Rolle in allen Bereichen des deutschen Gesundheitswesens: in der Prävention, der Diagnostik, der Therapie und der Rehabilitation.
- Medizinprodukte begleiten uns durch alle Lebensphasen und helfen bei den unterschiedlichsten Krankheitsbildern.
- Neue Behandlungsmethoden der Medizintechnologiebranche und neue Therapieansätze verkürzen die Genesungszeiten der Patienten und ermöglichen es ihnen daher, schneller wieder am gesellschaftlichen und Arbeitsleben teilzuhaben.
- Innovative Medizintechnologien sind damit eine Investition in die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Menschen und stellen auch einen Gewinn für die Volkswirtschaft insgesamt dar. Innovative Medizintechnologien müssen daher allen Patienten, die sie benötigen, ohne Zeitverzögerung zur Verfügung gestellt werden.
Der Markt für Medizintechnologien
Die Medizinprodukteindustrie ist ein bedeutender Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor. Die Hersteller von Medizinprodukten beschäftigen in Deutschland über 100.000 Menschen.
Positive Unternehmensergebnisse sind die Voraussetzung für die Innovationskraft der Medizintechnologiebranche, für die Investitionen in Forschung und Entwicklung.
Wie ist nun die wirtschaftliche Lage der Unternehmen der Medizinproduktebranche? Zunächst einige Marktdaten.
Der Weltmarkt für Medizintechnologien betrug 2001 rund 170 Mrd. Euro. Deutschland ist nach den USA und Japan der drittgrößte Markt der Welt im Bereich der Medizinprodukte.
Der Inlandsmarkt für Medizinprodukte betrug 2001 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes insgesamt 24 Mrd. Euro. Davon entfallen
- 12 Mrd. Euro auf den ambulanten Bereich (Hilfsmittel, sonstiger medizinischer Bedarf),
- 7 Mrd. Euro auf den stationären Bereich (Sachkosten im Krankenhausbereich) sowie
- 5 Mrd. Euro auf den Zahnersatz.
Das durchschnittliche Wachstum des Weltmarktes für Medizinprodukte beträgt nach Schätzung des US-Verbandes AdvaMed 7 %. Dies entspricht auch dem Marktwachstum in den USA. Das Wachstum des Marktes für Medizinprodukte und Medizintechnologien fällt in Deutschland mit rund 3 % sowohl im weltweiten als auch im europäischen Bereich geringer aus. Dies ist nicht zuletzt auf die restriktive Budgetierungspolitik und den gestiegenen Druck auf die Preise durch die anhaltende Finanzkrise der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zurückzuführen.
Die Lage der BVMed-Mitgliedsunternehmen
Wie stellt sich die Situation für die BVMed-Mitgliedsunternehmen dar?
Sowohl die Umsatz- als auch die Gewinnsituation der über 200 im BVMed zusammengeschlossenen Industrie- und Handelsunternehmen stagnieren in diesem Jahr bzw. sind teilweise rückläufig.
Die Umsatzsteigerung der BVMed-Mitgliedsunternehmen im ersten Halbjahr 2003 betrug rund 3 Prozent. Im ersten Halbjahr 2002 hatte das Wachstum noch bei rund 5,5 Prozent gelegen.
Positiv ist anzumerken, dass das zweite Quartal 2003 gegenüber den ersten drei Monaten eine leichte Verbesserung zeigte.
Das Plus von rund 3 Prozent beruht überwiegend auf Mengensteigerungen. Die Gewinnsituation der Unternehmen bleibt dagegen angespannt.
Die Formel ist einfach: Gewinn = Preis x Menge – Kosten.
Der einzig erfreuliche Faktor in dieser Formel sind die steigenden Fallzahlen aufgrund der demographischen Entwicklung und der neuen medizinischen Möglichkeiten. Dagegen sinkt der Preis, vor allem durch die Budgetrestriktionen und die Bündelung von Einkaufsmacht auf der Klinikseite. Außerdem steigen die Kosten durch höhere Vertriebsausgaben, ausgeschöpfte Effizienzsteigerungspotentiale, steigende Rohstoffpreise und steigende Ausgaben für Forschung und Entwicklung.
Die Deckungsbeitragsrechnungen der Unternehmen werden damit zunehmend schwieriger. In solchen Abschwungphasen stehen Unternehmenszusammenschlüsse auf der Tagesordnung. Und diese Konzentrationsprozesse finden zur Zeit auch in der Medizinprodukteindustrie statt und sind noch nicht abgeschlossen.
Eine aktuelle BVMed-Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen ergab folgende Ergebnisse:
- Das Wachstum der Branche wird in den nächsten Jahren durchschnittlich mit rund 3 Prozent beziffert. Das liegt deutlich unter den Erwartungen der letzten Jahre.
- Die Zahl der Arbeitsplätze wird nach der Befragung im Durchschnitt stagnieren bzw. leicht zurückgehen.
- Als größte Hemmnisse für die Medizinprodukteindustrie in Deutschland werden der Preisdruck durch Einkaufsgemeinschaften (73 Prozent), bürokratische Strukturen (59 Prozent), die Budgetierung (54 Prozent) und ein innovationsfeindliches Klima (53 Prozent) angesehen.
Rahmenbedingungen müssen verbessert werden
Trotz der derzeit angespannten Situation wird der Medizinproduktemarkt ein globaler Wachstumsmarkt bleiben. Dafür sprechen – wie schon erwähnt – allein der medizinische Fortschritt und die demographische Entwicklung.
Neue Verfahren der Medizintechnologie spielen dabei eine wesentliche Rolle – nach dem Motto: „Was dem Patienten hilft, wird erfolgreich sein“. Innovative Medizintechnologien führen zu besseren Behandlungsergebnissen, kürzeren Liegezeiten, geringeren Behindertenraten und weniger Fehlzeiten.
Aber die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssen stimmen, damit wir auch künftig noch in Forschung und Entwicklung investieren und neue Verfahren und Produkte für die Patienten entwickeln können.
Die Medizinprodukteindustrie fordert daher eine neue Gesundheitswirtschaft mit wettbewerblichen Elementen, Planungssicherheit und innovationsfreundlicherem Klima.
Auf dem Weg zur großen Gesundheitsreform
Das GKV-Modernisierungsgesetz hat den erhofften Befreiungsschlag für unser Gesundheitssystem nicht erbracht. Die Diskussion um die große Gesundheitsreform geht weiter.
Aus unserer Sicht sind folgende Aspekte von besonderer Bedeutung:
- Die Gesundheitsreform muss den Patienten in den Mittelpunkt stellen. Stärkere Beteiligungsrechte sind dabei nur ein Aspekt. Den Patienten in den Mittelpunkt stellen heißt vor allem, Anreize für die optimale Behandlung zu schaffen. Behandlungserfolge, schnellere Heilungs- bzw. Genesungszeiten müssen belohnt werden, nicht langanhaltende, aber sub-optimale Krankenbehandlung. Dafür benötigen wir entsprechende Qualitätskriterien, Leitlinien und Gesundheitsziele.
- Die Unternehmen müssen von den hohen Lohnnebenkosten entlastet werden. Das bedeutet, dass der GKV-Beitrag von der Lohnentwicklung entkoppelt werden muss.
- Die Rahmenbedingungen für Forschung und Produktion in Deutschland müssen insgesamt verbessert werden. Es ist kein Zufall, dass Erfindungen bzw. medizintechnische Entwicklungen häufig in Europa ihren Ursprung haben, dann aber in den USA zur Marktreife gebracht und produziert werden. Wir dürfen die Unternehmen nicht durch Preissenkungsspiralen belasten. Das wird die medizintechnische Forschung in Zukunft unmöglich machen.
- Neue Produkte und Verfahren der Medizintechnologie müssen schneller in den Markt eingeführt werden können. Dafür brauchen wir flexiblere Instrumente statt langwieriger Technologiebewertungsprozesse. Unsere Kernbotschaft hierzu lautet: Innovative Medizintechnologien müssen allen Patienten, die sie benötigen, ohne Verzögerung zur Verfügung gestellt werden.
- Wir brauchen darüber hinaus weitere Deregulierungsmaßnahmen im administrativen Bereich. Im Gegensatz dazu schafft das GKV-Modernisierungsgesetz neue bürokratische Hürden, beispielsweise bei der Preisfindung im Hilfsmittelbereich, die völlig inakzeptabel sind.
- Die strukturpolitischen Rahmenbedingungen im Gesundheitssystem müssen sich am medizinischen Bedarf der Bevölkerung und nicht an Budgetierungen orientieren.
- Wir müssen optionale Finanzierungsmodelle in der Gesetzlichen Krankenversicherung einführen. Dabei wird kein Weg daran vorbei führen, die Patienten stärker zu beteiligen.
Wir brauchen einen Mentalitätswechsel bei der Beurteilung von Innovationen!
Meine Damen und Herren,
bei meinen einleitenden Worten zum Wachstumsmarkt Gesundheit habe ich ein Umdenken eingefordert. Auf dieses Thema möchte ich zum Abschluss meiner Ausführungen zurückkommen.
Was wir brauchen und als BVMed einfordern ist ein Mentalitätswechsel bei der Beurteilung von Innovationen der Medizintechnologie.
Innovationen müssen als Chance begriffen werden, als Investition in die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Menschen. Nicht als reiner Kostenfaktor. Die Nutzen-Wirksamkeit – und damit auch die Einsparpotentiale – müssen deutlicher in den Vordergrund gestellt werden.
Der Appell zum Umdenken richtet sich nicht nur an die Politik, sondern vor allem an die Krankenkassen. Hier gibt es durchaus positive Signale von Politik und Kassen, die uns ermutigen. Ich nenne drei Beispiele:
- In einer Mitteilung der Europäischen Kommission von Ende September heißt es: "Oft wird der technische Fortschritt im Gesundheitswesen als einer der Gründe für den Anstieg der Gesundheitskosten genannt. Andererseits gibt es zunehmende Belege für den Beitrag der Innovationen zur Kosteneinsparung im Gesundheitswesen (z. B. Verkürzung des Krankenhausaufenthalts durch minima- invasive Chirurgie)." (Bundesrats-Drucksache 698/03 vom 24.09.2003.) Die EU-Kommission wird deshalb auch eine Studie zum Nachweis von öffentlichen Kosten und Einsparungen in Auftrag geben.
- Auf dem vierten BVMed-Innovationskongress vor wenigen Wochen in Berlin stellte Dr. Christoph Straub, Vorstand der Techniker Krankenkasse, ein Modellvorhaben zum Einsatz medikament-freisetzender Stents vor. Ziel sei es, so Straub, die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern und festzustellen, ob die kostenintensivere neue Methode auch die Gesamtkosten für Kassen senken kann. Eine erste Modellrechnung zeige, dass der Einsatz der neuen Stent-Generation bei Verschluss von Herzgefäßen bei 1.080 Patienten zu einer Kostenreduktion in Höhe von rund 600.000 Euro führen würde. Das sei bei einer Gesamt-Behandlungshöhe von rund 31 Mio. Euro nicht viel, hinzu trete aber der deutlich erhöhte Patientennutzen.
- Auf einem Kongress in Berlin Ende Oktober 2003 gestand der BKK Bundesverband dem medizinischen Fortschritt einen Vertrauensvorschuss ein. Der Berliner BKK-Büroleiter Dr. Robert Paquet wird wie folgt zitiert: "Im Interesse der Patienten sollten die Krankenkassen mehr die Chancen medizinischen Fortschritts sehen als dessen finanziellen Risiken. Krankenkassen müssten sich immer wieder klar machen, dass sie für die Versorgung der Kranken da sind und medizinischer Fortschritt wünschenswert und wichtig sei."
Auf dem selben Kongress warnte auch die Deutsche Krankenversicherung AG, DKV, vor zu großer Skepsis gegenüber Innovationen. DKV-Abteilungsleiter Dr. Klaus-Jürgen Preuß wird wie folgt zitiert: "Ausgabensteigerung als unabweisbare Folge von Innovationen zu deuten ist falsch. In einem wettbewerblich organisierten Gesundheitssystem können Innovationen zu Kostensenkung und Nutzensteigerung beitragen." (PZ vom 23.10.2003)
Diese Aussagen müssen Schule machen. Und diesem Mentalitätswechsel müssen auch Taten folgen.
Die drei im Rahmen des BVMed-Presseseminars folgenden Fallbeispiele zur Behandlung von Herzerkrankungen, des Bewegungsapparats sowie Augenerkrankungen belegen exemplarisch:
Innovationen der Medizintechnologie sorgen
- für schonendere Eingriffe, bessere Behandlungsergebnisse und schnellere Heilung zum Vorteil des Patienten,
- für kürzere Liegezeiten und damit Kosteneinsparungen im Klinikbereich,
- für geringere Ausfallzeiten und damit Vorteile für die Volkswirtschaft.
Mein Fazit:
Wir brauchen einen Umdenkungsprozess – insbesondere bei Politik und Kassen! Anstatt Strukturerhaltung und traditionellem Beharrungsvermögen müssen wir die Frage in den Mittelpunkt stellen: Was dient dem Patienten? Wir müssen Ausgaben für innovative Medizintechnologien als Investition ansehen, nicht als Kostenfaktor. Als Investition deshalb, weil sie helfen, Patienten besser zu behandeln, schneller zu heilen und damit Folgekosten zu vermeiden.
Deshalb müssen Innovationen künftig schneller den Patienten zur Verfügung gestellt werden.
Vielen Dank.
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