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Arztpraxis
„Paradigmenwechsel“ im Gesundheitswesen: MedInform-Konferenz zeigt Notwendigkeit verstärkter Vernetzung und Kooperation auf
17.09.2004 - 56/04
Hintergrund ist, dass sich für die Unternehmen durch das Aufbrechen der Grenzen zwischen stationärem und ambulantem Sektor und die damit verbundenen Vertragsmöglichkeiten durch die Gesundheitsreform neue Möglichkeiten ergeben. Integrierte Versorgungsverträge ermöglichen einen „Qualitätswettbewerb mit der herkömmlichen Versorgung“ und bieten Anreize, mit anderen Sektoren zusammenzuarbeiten. Durch die Gesundheitsreform werde auch der Trend zu Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) verstärkt. Gesundheitszentren und MVZ werden die einzelne Facharztpraxis in Zukunft ablösen, so Experten der MedInform-Konferenz von Krankenkassen, Ärzten, Kliniken, Apotheken und Unternehmen.
Zum Thema Ausschreibungen für Hilfsmittel stellt die Deutsche BKK klar, dass sie keine zwingende Notwendigkeit für Ausschreibungen sehe und dieses Thema nicht forcieren werde. Man sei mehr daran interessiert, innovative Versorgungsmodelle zu entwickeln, um die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern.
Oda Hagemeier, Leiterin des Referats Homecare beim BVMed, ging in ihrem Einführungsreferat auf die Frage ein, ob sich durch die Gesundheitsreform die Vertriebsstruktur für Medizinprodukte im ambulanten Bereich, also beispielsweise für Hilfsmittel oder Verbandmittel, geändert hat. Neue Möglichkeiten ergeben sich für die Unternehmen insbesondere durch die Integrierte Versorgung, die Medizinischen Versorgungszentren und die Kooperation mit anderen Partnern im Gesundheitswesen wie Hausapotheke, Versandhandel oder Pharmaindustrie.
Wie die Integrierte Versorgung bei der Deutschen BKK angegangen wird und welche Auswirkungen dies auf die Hilfsmittelversorgung hat, darauf ging Stefan Adam von der Deutschen BKK ein. Eckpunkte der Hilfsmittelversorgung sind u. a. ein zentrales Hilfsmittellager für das gesamte Bundesgebiet, Fallpauschalen für wenige ausgewählte Hilfsmittel und Ausschreibungen bei Verbrauchshilfsmitteln für Inkontinenz, Stoma, Diabetes und enterale Ernährung. Die Deutsche BKK schließt keine Exklusivverträge ab, sondern setzt auf den „gesunden Wettbewerb unter Qualitätsgesichtspunkten“. Integrierte Versorgungsverträge ermöglichen dabei einen „Qualitätswettbewerb mit der herkömmlichen Versorgung“. Ein Beispiel ist ein Vertrag mit Krankenhäusern und Ärzten für die Versorgung von Versicherten mit Herzinsuffizienz inklusive ambulanter und stationärer Behandlung sowie Rehabilitation. Als Anschubfinanzierung der Integrierten Versorgung sei die 1 %-Vergütung 2004 bis 2006 sinnvoll, ab dem Jahr 2007 müssten sich IV-Modelle dann aber selbst tragen, so Adam. Beginnen wird die Deutsche BKK mit der Kardiologie und Onkologie in der Modellregion Wolfsburg mit einem dreiseitigen Vertrag zwischen Klinikum, niedergelassenen Ärzten und der Krankenkasse. Sein Fazit: „Integrierte Versorgung steigert die Behandlungsqualität und die Effizienz durch die Überwindung der sektoralen Grenzen und der Kommunikationsbarrieren.“
Die Hausapotheke als qualifizierter Nahversorger und Partner der Unternehmen stellte Dr. Peter Moormann, Geschäftsführer des Landesapothekerverbandes Niedersachsen, vor. Hausapothekenmodelle sehen die freiwillige Entscheidung des Versicherten für seine „Hausapotheke“ für ein Jahr vor. Er erhält damit einen „Home-Service“ mit der bedarfsgerechten Versorgung „bis ans häusliche Krankenbett“ im Krankheitsfall, eine „Rund-um-die Uhr“ Versorgung sowie eine Überprüfung der häuslichen Arzneimittelbestände. Das Konzept beinhaltet auch eine direkte persönliche Information der Versicherten über Medizinprodukte sowie einen „Check-up-Service“. Vorteile der Hausapotheke für Patienten und Medizinproduktehersteller seien die flächendeckende Präsenz, der „niedrigschwellige“ Zugang, der direkte Patientenkontakt und die fachliche Abstimmung mit dem Hausarzt. Außerdem ermögliche das Modell die ganzheitliche Betreuung insbesondere chronisch Kranker inklusive der schnellen Lieferung von Medizinprodukten wie Hilfsmittel, in-vitro-Diagnostika oder Verbandmittel. Moormanns Botschaft: „Durch die komplette Führung der Patienten kann die Kasse die Kosten im Griff halten.“
Michael Winter, Leiter der Verkaufsabteilung der Sanicare GmbH, präsentierte das unternehmerische Konzept der SANICARE. Ursprung war vor 20 Jahren die Klinikversorgung des Gesundheitszentrums Bad Laer. Mittlerweile versorgt Sanicare 43 Kliniken, 500 Pflegeeinrichtungen sowie zahlreiche Arztpraxen. Sanicare gliedert sich in die drei Teilbereiche Homecare, Apotheke und Diabetes-Fachversand und bearbeitet ca. 5.000 Aufträge und 40.000 Positionen pro Tag. Rund 35.000 Artikel sind dazu im Lager vorrätig. Das Konzept „Alles aus einer Hand“ beinhaltet die Versorgung mit Arzneimitteln, Hilfsmitteln, Sprechstundenbedarf, Kosmetik- sowie Reformhausprodukten. Kooperationspartner sind der pharmazeutische Großhandel, die Industrie sowie Logistik- und IT-Dienstleister. Seit einem Jahr arbeitet Sanicare auch als Internet-Versandapotheke. Der Patient kann wählen zwischen Versandhandel ohne Beratung oder der Versorgung im Sanitätshaus. Das erste Fazit: „Das Interesse der Patienten am Versandhandel ist hoch. Zwei entscheidende Motive dafür sind Diskretion und Preis.“ Derzeit hat Sanicare 4.000 Online-Zugriffe und rund 1.000 Aufträge pro Tag. Der prognostizierte Umsatz für 2004 liegt bei 30 bis 40 Mio. Euro. Ziel ist es, bis Ende 2005 10.000 Aufträge pro Tag zu erreichen. 15 Prozent des Umsatzes stellen Diabetesprodukte. Den größten Anteil haben mit 60 Prozent die rezeptpflichtigen Arzneimittel. Winters Prognose: Mittelfristig werden sich lediglich wenige, schätzungsweise rund zehn deutsche Versandapotheken auf dem Markt behaupten können. Hauptzielgruppe wird der chronisch Kranke sein.
Die Rolle der Hausärzte in künftigen Versorgungskonzepten thematisierte Wolfgang Meunier, Mitglied des Bundesvorstands des Deutschen Hausärzteverbands und Mitglied im Gemeinsamen Bundesausschuss. Das GMG-Gesundheitsreformgesetz sei der Beginn einer „Änderungskette im Gesundheitswesen“, indem es neue Versorgungsformen etabliert. Das reicht von der hausarztzentrierten Versorgung, Integrierten Versorgung und Medizinischen Versorgungszentren bis hin zur ambulanten Teilöffnung der Krankenhäuser. Die neuen Vertragsformen können die Versorgung mit Hilfsmitteln einbeziehen. Die Kooperationsmöglichkeiten wirken als Katalysatoren des Wettbewerbs. Allerdings müsse es bei den Krankenkassen „mehr Mut statt Klein-klein-Verträgen“ beispielsweise bei der Integrierten Versorgung geben, sonst werde die Chance bis 2007 nicht genutzt werden, so Meunier. Geeignet für Vertragsabschlüsse seien die Kassenärztlichen Vereinigungen oder der Deutsche Hausärzteverband, dann vertreten durch die Hausärztliche Vertragsgemeinschaft.
Dr. Christian A. F. Schallermair von Merck Deutschland beschrieb Möglichkeiten der Partnerschaften zwischen Pharmaindustrie und Medizintechnologieunternehmen sowie dem medizinischen Fachhandel. Im Rahmen integrierter Versorgungsstrukturen werde es für die Arzneimittelhersteller wettbewerbsrelevant, indikationsspezifische „Paketlösungen“ inklusive. Medizinprodukten und ergänzender Dienstleistungen anbieten zu können. Für die Hersteller bietet die selektive Vertragspartnerschaft zu den Kassen oder zu vernetzten Leistungserbringern Chancen und Risiken – je nachdem, ob man bei Vertragsabschlüssen zum Zuge kommt oder nicht. Sein Fazit: „Finden die Arzneimittel- und Medizinproduktehersteller nicht selbst zu mehr Kooperation, so werden Dritte versuchen, über die Etablierung entsprechender Einkaufsmodelle einen Teil der Herstellermargen abzuschöpfen“, so Schallermair.
Konzept und Aufbau von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) erläuterte Rolf D. Hellwich, Projektmanager von MHC Euregio. Pilotprojekt ist das Gesundheitszentrum Düren, das auf der Struktur eines Ärztehauses basiert und im Oktober 2004 als erstes MVZ in Nordrhein-Westfalen zugelassen wird. Zum MVZ gehören ein modernes ambulantes OP-Zentrum, eine High-Tech-Medizinausrüstung, elektronische Patientenakte und Online-OP-Booking. Ein modernes Vertrags-Hotel und ein Konferenzzentrum sind weitere Serviceangebote für Arzt und Patienten. Das städtische Krankenhaus Düren rundet das ganzheitliche Konzept im stationären Bereich ab. Die Vorteile: „Patienten erhalten eine spezialisierte, qualitätsgesicherte One-Stop-Leistung. Die Zentrumsärzte arbeiten in einem gemanagten Kooperationsmodell, an dem sie selbst beteiligt sind. Krankenhäuser können die vor- und nachstationäre Arbeitsteilung optimieren. Die Kostenträger erzielen einen höheren Versorgungsgrad zu günstigeren Preisen bei identischer Qualität im ambulanten und stationären Bereich.“ Letztendlich sei vor allem die Qualität der ärztlichen Leistung entscheidend. „Hier sehen wir unser hohes Potenzial, indem wir spezialisierte Ärzte in unser Umfeld professionell und leistungsgerecht integrieren“, so Hellwich. Das MVZ sei natürlich an einer Zusammenarbeit mit den Unternehmen der Medizintechnologie interessiert: „Wir sind für Gespräche jederzeit offen.“
Von einem „Paradigmenwechsel“ im Gesundheitssystem sprach BVMed-Vorstandsmitglied Dr. Friedhelm Bartels, Medizinischer Direktor von ConvaTec (Bristol-Myers Squibb GmbH). Die Zukunft liege in Vernetzung und Kooperation, beispielsweise in der Einbeziehung der niedergelassenen Ärzte in die Strukturen des Krankenhauses sowie der Kliniker in die Praxen der Niedergelassenen. Hinzu komme Homecare als wichtiger Kooperationspartner zur Verkürzung der stationären Verweildauer. Es gebe nun viele gute Module und Modelle, aber es fehle das Gesamtkonzept. So habe man bei der Einführung der Fallpauschalen im Krankenhaus eine vernünftige Pflegeüberleitung vom Krankenhaus in den ambulanten Bereich völlig vergessen. Ein weiterer Kritikpunkt sei der Ansatz der Kostenneutralität in den Gesetzesvorlagen. Es müsse klar sein, dass Qualitätsverbesserungen, Innovationen und zusätzliche Leistungen nicht kostenlos zu haben sind. Bartels Schlussfolgerung: „Entscheidender Faktor für das Gelingen einer integrierten Versorgung ist die Koordination der Leistungserbringer. Eine gerechte Leistungs- und Erlöseaufteilung bindet die Vertragspartner langfristig. Wenn Qualität und Wirtschaftlichkeit stimmen, partizipieren alle am Prozess Beteiligten am Erfolg.“
Thomas Beer von den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) Wiesbaden stellte den „Case Management“-Ansatz vor, um auf horizontaler Ebene zu kooperieren. Er gehe für seine Klinik davon aus, dass es in fünf Jahren nur noch „High-Care-Patienten“ in dem Krankenhaus der Maximalversorgung gebe. Die Frage sei: Wie können diese Patienten im ambulanten Bereich adäquat weiterversorgt werden? Die Antwort der HSK sei z. B. die Einrichtung eines eigenen ambulanten Pflegedienstes und die übergreifende Implementierung des pflegerischen Case Managements. Schwerpunkte seien die Schwerstkrankenpflege in der häuslichen Umgebung, das Wundmanagement in enger Zusammenarbeit mit einem Homecare-Unternehmen oder die ambulante palliative pflegerische Betreuung. Ein Integrierter Versorgungsvertrag für dieses Konzept sei derzeit in der Vorbereitung.
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