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Gesundheitspolitik
MedInform-Konferenz zu Gesundheitsfonds und Morbi-RSA: „Differenzierung der Kassen über Leistungen und Qualität“
22.04.2009 - 33/09
Boris Velter, Referatsleiter im Ministerbüro des Bundesgesundheitsministeriums, zog eine positive Bilanz der ersten Monate mit dem neuen Gesundheitsfonds. Die Umstellung habe technisch gut geklappt. Der einheitliche Beitragssatz sei kein Aufreger mehr, sondern finde in der Bevölkerung große Akzeptanz. Der Morbi-RSA scheine zielgenau zuzuweisen. Der Gesundheitsfonds sei gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise ein stabilisierender Faktor. Ein wichtiges Element sei die Möglichkeit der Steuerzuschüsse. Durch sie könnten Beiträge gesenkt werden, so Velter. Er sieht einen Trend „zu einer steigenden Steuerfinanzierung“. Der Staat habe es damit in der Hand, „das Problem steigender Beiträge durch höhere Steuerzuschüsse zu lösen“. Für die Zukunft erwartet Velter Zusatzbeiträge der Krankenkassen. Kurzfristig würden auch höhere Steuerzuschüsse ins System kommen. Die Gesamtkonstruktion des Gesundheitsfonds werde aber im Kern nicht mehr verändert werden können, unabhängig von der Regierungskonstellation. Langfristiges politisches Ziel des Ministeriums sei die monistische Finanzierung, also die Investitionsfinanzierung über Zuschläge durch die Krankenkassen. Durch Zu- und Abschläge könne man im System zudem weitere Anreize setzen.
Gesundheitsökonom und Politikberater Prof. Dr. Jürgen Wasem ging auf die Weiterentwicklung des „Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs“ (Morbi-RSA) ein. Das Morbi-RSA-Konzept sei unabhängig von der Einführung des Gesundheitsfonds entwickelt worden und würde auch in den meisten Szenarien einer Welt ohne Gesundheitsfonds benötigt. Die Behauptung, unter Morbi-RSA würden sich für die Kasse nur noch „Kranke“ lohnen, hält Wasen für „dumm oder böswillig – oder beides“. Denn die Situation sei unter dem neuen RSA sehr viel differenzierter. Für 80 Erkrankungen gebe es im Durchschnitt eine auskömmliche finanzielle Ausstattung. Auskömmlich bedeute, dass sich damit Kranke nicht lohnen würden. Gesunde seien nach wie vor gute Risiken für die Krankenkassen, aber nicht mehr so gut wie vorher. Wasem wies auch die Kritik zurück, dass der Morbi-RSA modernes Versorgungsmanagement der Krankenkassen unterbinde. „Die Aktivitäten des Versorgungsmanagements haben unter Morbi-RSA keinen einheitlichen Effekt auf den Deckungsbeitrag für Versicherte. In drei von vier Modellen ist es so, dass sich Versorgungsmanagement für die Krankenkassen nach wie vor lohnt.“ Die festzustellenden „Right- und Upcoding-Tendenzen“ seien Systemen immanent, die auf Diagnosen oder Prozeduren aufbauen. Hier müssten Routinen zur Minimierung der Risiken entwickelt werden. Dies sei eine der Aufgaben des wissenschaftlichen Beirats, dem Prof. Wasem angehört.
Was bedeutet der Gesundheitsfonds für Versicherte und Patienten? Dr. Stefan Etgeton von der Verbraucherzentrale Bundesverband stellt vor allem einen größeren Kostendruck bei den Krankenkassen fest – ob gefühlt oder real. Dies führe zu einer defensiven Vertragspolitik, zu restriktiven Ermessensentscheidungen und zu einem Preisdruck bei Hilfsmitteln. Er sprach von „ärgerlichen Entwicklungen“ bei Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich für die Versicherten. Etgeton glaubt aber nicht, dass es zu Krankenkassenwechseln in großer Anzahl kommen werde. Dazu gebe es in diesem Jahr zu geringe Anreize. Die Verbraucherzentralen setzen sich dafür ein, dass die Versicherten verstärkt darauf schauen, was die Krankenkassen an Service und Leistungen anbieten. Ein unabhängiger Qualitätsvergleich der Krankenkassen sei derzeit jedoch nicht möglich, so Etgeton. Als Folge des neuen Morbi-RSA stellt er fest, dass die Krankenkassen versuchen, ihre Risiken besser zu mischen. Der Ausgleichseffekt innerhalb der Krankenkassen werde damit größer. Aus vormals „schlechten“ würden „bessere Risiken“. Investitionen in bessere und effizientere Versorgung würden sich nach wie vor lohnen. Da es auch „Verliererkrankheiten“ gebe, müsse das RSA-System ein lernendes System mit Korrekturmöglichkeiten sein.
Daniel Bahr, Bundestagsabgeordneter und gesundheitspolitischer Sprecher der FDP, übte heftige Kritik am Konzept des Gesundheitsfonds. Dass das SPD-Wahlprogramm den Fonds feiere, sei „keine Einladung an eine Ampelkoalition“. Der FDP-Gesundheitsexperte kritisierte, dass sowohl auf der Beitrags- wie auf der Leistungsseite der Wettbewerb nivelliert werde. Bahr: „Wir haben auf der Beitrags- wie Leistungsseite den Weg zur Einheitskasse.“ Die Beitragssatzfestlegung sei rein politisch gewesen und nicht an den medizinischen Notwendigkeiten des Gesundheitssystems orientiert. Einen Riskiostrukturausgleich müsse es geben, aber auf einem geringen Niveau. Die FDP will deshalb den Morbi-RSA „auf das notwendige Maß zurückfahren“, da aktuell die Fehlanreize überwiegen. Das FDP-Ziel sei, den Gesundheitsfonds zurückzunehmen und ein System mit mehr Wettbewerb zu ermöglichen. Dazu gehöre eine Weiterentwicklung der gesetzlichen Krankenkassen vom Körperschaftsstatus zu Unternehmen. Bahr sprach sich für ein Grundversorgungversorgungsmodell mit mehr Kapitaldeckung, mehr Wettbewerb bei den Leistungsangeboten und eine Stärkung regionaler Strukturen aus.
Gerd Gottschalk, Reimbursement Manager bei Medtronic, stellte Zukunftsstrategien für Krankenkassen aus Sicht der MedTech-Industrie am Beispiel der Herzinsuffizienz und der Diabetestherapie vor. Erstes Beispiel: ein Defibrillator mit Diagnosefunktion zur Früherkennung drohender Wassereinlagerung in der Lunge. Medtronic führte gemeinsam mit der Gmünder Ersatzkasse (GEK) das Rechenmodell „PROVE“ durch. Im Ergebnis konnten geringere Behandlungskosten im stationären Bereich durch Vermeidung von Wiedereinweisungen nachgewiesen werden. Der Trend verstärkt sich, je länger der Untersuchungszeitraum ist. Die Zusatzfunktion in dem Implantat ist damit sinnvoll für die Patienten, vermeidet Todesfälle und rechnet sich auch für das System trotz der höheren Inititialkosten für das Implantat. Ein ergänzendes Therapiemanagement ist durch die telemedizinische Fernüberwachung möglich. Die Finanzierung könne über eine jährliche Servicepauschale oder über ein „Risk-Sharing-Modell“ mit den Krankenkassen sichergestellt werden. Zweites Beispiel: das Diabetes-Projekt „DIABETIVA“ zum integrierten Diabetes-Management. Ein Integriertes Versorgungsprojekt der Taunus BKK führte die 72 Stunden-Glukosemessung zur Ermittlung eines Patientenprofils ein, um die Therapie der Patienten zu optimieren. Als Ergebnis waren die Patienten besser eingestellt, die Behandlungskosten konnten gesenkt werden. Sein Fazit: „Krankheiten gut managen spart Kosten und verbessert die Qualität der Patientenversorgung.“ Es gebe bestehende Modelle, die bereits ihre Kosteneffizienz bewiesen haben. Eine wirkungsvolle Optimierung der Versorgung chronisch Kranker lasse sich jedoch nur flächendeckend erzielen. „Wir brauchen deshalb mehr Mut zur Umsetzung neuer Versorgungsmodelle auf der Krankenkassenseite gemeinsam mit den MedTech-Unternehmen“, so Gottschalk.
Was bedeutet der neue Morbi-RSA für die MedTech-Unternehmen? Das beleuchtete Magnus Fischer, Referatsleiter Vertragsmanagement bei Fresenius Kabi. Positiv sei, dass das Geld jetzt vermehrt der Leistung folge, zumindet bei den 80 dargestellten Krankheitsbildern. Die enterale und parenterale Ernährung sei darin nicht enthalten. Daher greife hier wie für andere nicht RSA-relevante Krankheiten eine Mischkalkulation, die aber in der Regel zu einer finanziellen Unterdeckung führe. Insgesamt würden die Verhandlungen mit den Krankenkassen aufgrund des wachsenden Kostendrucks schwieriger. Die Hauptschwierigkeit bei den Verhandlungen mit den Krankenkassen sei die Unsicherheit über die Refinanzierung. Zukunftsgerichtete Versorgungsverträge seien derzeit kaum abzuschließen. Die Tendenz laute: Kosten senken bei gleichbleibender Qualität. Fischer betonte, dass die Krankenkassen mit Versorgungsmanagement die Ausgaben verstärkt steuern müssten, damit sie mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds auskommen. Sein Fazit: „Der Kostendruck bleibt − bei gleich hohen Qualitätserwartungen. Die Versorgungsqualität muss dann aber auch entsprechend vergütet werden.“ Die Krankenkassen müssten Gesundheitsversorgung stärker organisieren , „aber bitte partnerschaftlich mit den MedTech-Unternehmen“.
Eine kritische Bilanz der Auswirkungen des Gesundheitsfonds zog Prof. Dr. Norbert Klusen, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK). „Der Gesundheitsfonds zwingt die Krankenkassen zu massiven Sparmaßnahmen, die Vorrang haben werden vor allen anderen Zielen.“ Der Gesundheitsfonds schaffe eine neue Welt mit völlig neuen Handlungsprioritäten der Kassen. Man könne sogar von einem staatlichen Zwang zum Strategiewechsel sprechen. Die Kassen werden sich daher mit mittel- bis langfristig angelegten, innovativen Projekten und qualitätsorientierten Programmen spürbar zurückhalten müssen. Die Industrie habe daher zurzeit nur mit Modellen Erfolg, die den Krankenkassen schnell Rückflüsse sicherstellen. Ohne gesundheitspolitische Korrekturen würden es die Kassen in den nächsten Jahren schwer haben, eigene vertragspolitische Akzente in der Gesundheitsversorgung zu setzen, so Klusen. Strategische Handlungsoptionen gebe es nur einige, beispielsweise Rabattverträge mit Arzneimittelherstellern oder Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich. Hier habe sich die TK aber sehr zurückgehalten, da im Vordergrund die Versorgung der Patienten stehe. „Niemand will den kleinen Leistungserbringer vor Ort in die Insolvenz treiben“, so Klusen.
Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender der KKH-Allianz, ging auf neue Kooperationsformen in der Kassenlandschaft ein. Die Veränderungen in der Krankenversicherung erfordern neue Kassenstrategien in Sachen Wachstum und PKV-Kooperation. Die KKH kooperiert seit diesem Jahr mit der Allianz, der Nummer drei in der Privaten Krankenversicherung. Anfang April 2009 wurde zudem die Fusion der KKH mit der BKK Allianz zur KKH-Allianz vollzogen. Kailuweit: „Die Fusion mit der BKK Allianz ermöglicht der KKH, alle Chancen, die sich im Rahmen einer GKV-PKV Kooperation ergeben, mit den Stärken der Allianz zu nutzen. Die Fusion mit der Betriebskrankenkasse der Allianz Gesellschaften bildet das Scharnier zur strategischen Kooperation mit der Allianz Private Krankenversicherung.“ Die Kooperation werde ergänzt durch wechselseitigen Know-how-Transfer. Es gebe eine enge Zusammenarbeit bei Produktentwicklung, Service, Vertrieb oder Leistungseinkauf. Die Vision sei eine „exklusive, innovative Produktwelt mit Leistungen und Services für KKH-Allianz-Versicherte, die auch von PKV-Vollversicherten genutzt wird. Nach Ansicht Kailuweits werde sich die Zusammenarbeit zwischen gesetzlichen Krankenkassen und privaten Krankenversicherern intensivieren. Die Annäherung beider Systeme sei nach wie vor richtungsoffen, deshalb müssten Kooperationsmodelle entsprechend offen konstruiert werden.
Hinweis an die Medien:
Druckfähiges Bildmaterial zur Konferenz kann im Internet unter www.bvmed.de (Bilder – Veranstaltungen) heruntergeladen werden.
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