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Gesundheitspolitik
Innovationskonferenz des BVMed in Stuttgart: „In Krisenzeiten sind die Chancen für Innovationen besonders gut“
08.05.2009 - 39/09
Die Bedeutung der Medizintechnik für Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze betonte Dr. Siegfried Jaumann vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg. Das Land verfüge über die größte Konzentration von Herstellern medizintechnischer Produkte in Europa mit 200 Betrieben, 23.000 Beschäftigten und 3,5 Milliarden Euro Umsatz. Die Gesundheitswirtschaft insgesamt sei ein Wachstumsmarkt. Denn älter werdende Gesellschaften benötigten mehr Gesundheits-Dienstleistungen. „Dies beschleunigt auch den technischen Fortschritt und das Wachstum im Bereich der Medizintechnik“, so Dr. Jaumann. Er stellte drei Säulen für den Innovationsprozess vor: die Grundlagenforschung, die wirtschaftsnahe Forschung sowie spezielle Cluster- und Netzwerkaktivitäten des Landes, die den Innovationsprozess beflügeln sollen.
Joachim M. Schmitt, BVMed-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied, stellte die Vor- und Nachteile des MedTech-Standorts Deutschland vor. Deutschland habe in den zukunftsträchtigen Innovationsfeldern der Medizintechnologie durch die große Zahl gut ausgebildeter Ärzte, Forscher und Ingenieure und durch den hohen Standard der klinischen Forschung beste Voraussetzungen, neue Produkte und Verfahren zur Marktreife zu führen. Die Vorteile Deutschlands liegen auch in den kürzeren Zulassungszeiten und in der vergleichsweise sehr guten und kostengünstigeren klinischen Forschung. Defizite bestehen beispielsweise durch die starke Ökonomisierung des Gesundheitsmarktes oder die nicht funktionierende Innovationsklausel im stationären Bereich. Eine verzögerte Innovationseinführung in die Vergütungssysteme führe dazu, dass es in Deutschland ein weniger dynamisches Wachstum im Vergleich zum Weltmarkt gebe. Erfolgreiche Innovationen müssten sowohl einen medizinischen als auch ökonomischen Fortschritt bieten, so Schmitt. „Neue Untersuchungs-und Behandlungsmethoden bzw. innovative Medizinprodukte sind dann erfolgreich, wenn im Vergleich zu existierenden Methoden ein höherer medizinischer Nutzen vorliegt und dieser zu gleichen oder zu geringeren Kosten erreicht wird oder der Nutzenzuwachs größer ist als der Kostenzuwachs.“
Die Rolle des „Venture Capital“ in der Medizin beleuchtete Thom Rasche, Partner bei Earlybird Venture Capital in Hamburg. Er zählte drei Erfolgskomponenten einer Neugründung im medizintechnischen Bereich auf: eine gute Idee, Geld zum Umsetzen der Idee und ein gutes Management. Das große Problem in der Medizin sei, dass die Ideen von den Forschern und Medizinern kommen, denen oft die kaufmännische Expertise fehle. Deutschland sei im internationalen Vergleich gerade beim „Innovationsoutput“ gut aufgestellt. Das zeige sich beispielsweise bei der Anzahl der Patenten. Engpässe gebe es aber beim Management und beim Kapital. Geld sei nur für jede neunte Technologie und für jeden dritten Gründer vorhanden. Den Gesamtinvestitionsbedarf von der Idee bis zum Markteintritt in Deutschland bezifferte Rasche im Durchschnitt auf 5 bis 20 Millionen Euro. Dies beinhalte den gesamten Innovationsprozess: Idee, Prototyp, Tierstudien, Klinische Studien, Internationale Studien und Vertrieb. Ein wichtiger Aspekt sei die Globalisierung. „MedTech wird globaler. Die Prozesse werden zunehmend harmonisiert.“
Geschäftsführer Dr. Ralf Kindervater stellte die BIOPRO Baden-Württemberg GmbH (www.bio-pro.de) zur Förderung von Innovationen in der Medizintechnik vor. Die BIOPRO ist die Innovationsgesellschaft des Landes für den Bereich Biotechnologie und Lebenswissenschaften. Sie ist der zentrale branchenspezifische Vernetzer von Wissenschaft und Wirtschaft. Zu den Aktivitäten gehört die Öffentlichkeitsarbeit, die Organisation branchenspezifischer Veranstaltungen, aber auch Wirtschaftsförderung, Technologietransfer und Wissensmanagement, um kompaktes Wissen zur Verfügung zu stellen. Weitere Aufgaben sind die Nachwuchsförderung und Existengründung sowie Standortmarketing und Internationale Beziehungen. Die BIOPRO erweitert den Handlungsumfang des klassischen Technologietransfers hin zum Bereich der translationalen Forschung bis hin zu Markt- und Anwenderanalysen. Dr. Kindervater: „Wir schauen uns also auch an: Wo ist medizinischtechnischer Bedarf und wie können wir darauf mit Forschung und Entwicklung antworten.“ Bei solch einem „Direct-Partnering Programm“ muss nur einer der Partner aus Baden-Württemberg kommen. Ziel ist die nachhaltige Implementierung biotechnologischer Innovationen in klassische Industriezweige wie Medizintechnik, Chemie oder Pharma. Derzeit laufen dazu über 60 Projekte.
Eine Übersicht zu gewerblichen Schutzrechten auf nationaler und globaler Ebene gab Volkmar Kruspig, Geschäftsführender Partner der Patentanwälte Meissner, Bolte & Partner in München. „Sie müssen ihre Ideen durch Patente schützen, um sich so einen Vorsprung zu verschaffen und erfolgreich zu sein“, so der Patentexperte. Kruspig schilderte verschiedene Schutzideen: das Verfahrenspatent, das Anordnungspatent, der Gebrauchsmusterschutz als „kleines Patent“ oder der Designschutz für die Form des Produktes. Hierfür gibt es sogar 25 Jahre Schutz, fünf Jahre mehr als für ein Patent. Beim Patentantrag empfiehlt der Patentexperte eine Doppelanmeldung am gleichen Tag, verbunden mit dem Antrag auf amtliche Recherche, mit dem man innerhalb von 8 bis 10 Monaten eine Patentfähigkeitsprognose erhalte. Beim Thema „Globalisierung“ bestehe das Problem, dass der Patentschutz jeweils nur national gelte. Es besteht aber auch die Möglichkeit, eine internationale Anmeldung nach dem Patentzusammenarbeitsvertrag (PCT) einzureichen. Die PCT-Anmeldung stellt dabei ein Bündel mehrerer Anmeldungen dar. Dieses Bündel spaltet sich im Laufe des Verfahrens in den einzelnen Staaten zu jeweils nationalen Erteilungsverfahren auf und führt dort zu nationalen Schutzrechten. Diese Möglichkeit eines internationalen Patentes als globale Schutzstrategie koste rund 5.000 Euro.
Auf die Finanzierung von jungen Hightech-Unternehmen ging Dr. Michael Brandkamp, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds in Bonn, ein. Dem Fonds steht dafür ein Volumen in Höhe von 272 Millionen Euro zur Verfügung. Was braucht man, um einen Investor zu überzeugen? Dr. Brandkamps erste Antwort: „Zunächst eine Vision. Es muss beim Investor kribbeln.“ Über diese emotionale Komponente hinaus gebe es drei sachliche Kriterien für eine positive Beteiligungsentscheidung. 1. Eine gute Gründungsidee mit einem hohen Innovationsgrad und einem strategischen Wettbewerbsvorteil. Wichtig ist auch ein klar erkennbarer Kundennutzen. 2. Ein professionelles Management mit kaufmännischer Expertise. 3. Ein aussagekräftiger und realistischer Businessplan. Da der Fonds in der „Seed-Phase“ finanziere, sei eine gute „Exitperspektive“ erforderlich, so Dr. Brandkamp. Pro Projekt werden bis zu 500.000 Euro Risikokapital als Gründungsfinanzierung zur Verfügung gestellt. Die Gründungsfinanzierung reicht meist bis zum Prototyp. Zum finanziellen Aspekt komme eine intensive Betreuung hinzu. Ziel sei die Weiterfinanzierung durch einen Venture-Kapitalgeber. Bislang wurden rund 145 Beteiligungszusagen an Technologieunternehmen erteilt. 90 hätten davon bereits eine Anschlussfinanzierung erhalten. Auf die klassische Medizintechnik entfällt ein Anteil von 11 Prozent. Bezogen auf die „Lebenswissenschaften“ inklusive Diagnostik sind es rund 30 Prozent,
Das Interesse der Leistungserbringer an Innovationen beleuchtete Anton J. Schmidt, Vorstandsvorsitzender der P.E.G. Einkaufs- und Betriebsgenossenschaft, vor allem aus Krankenhaussicht. Zwar bleibe die Gesundheitswirtschaft ein Wachstumsmarkt. 2010 werde aber der Druck auf die Krankenhäuser durch die Nachwehen der Finanzmarktkrise und eine stagnierende Grundlohnsumme steigen. Schmidt sprach von einem „Innovationsdilemma“ im Krankenhaus. Innovative Medizin sei ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor, aber es gebe eine zunehmende Ressourcenknappheit. Die Folge sei, dass sich die Krankenhäuser stärker spezialisieren werden. Es werde weniger einzelne Kliniken mit größeren Einheiten geben. Die Telemedizin werde an Bedeutung gewinnen. Der entscheidene Erfolgsfaktor werde die Qualität der Patientenversorgung sein. Schmidt nannte „vier strategische Notwendigkeiten“ für die Krankenhäuser: 1. eine unbedingte Patienten- bzw. Vertriebsorientierung; 2. den Willen zur echten Prozessoptimierung; 3. die Konzentration auf Kernkompetenzen; 4. die Bereitschaft zu strategischen Partnerschaften und Fusionen. Hierzu gehöre die Zusammenarbeit mit Einkaufsgemeinschaften, um robuste Beschaffungsprozesse zu installieren und finanzielle Freiräume für Innovationsfähigkeit zu schaffen. „Der initiale Reflex des Krankenhauses darf nicht der Preis sein, sondern die Prozess- und Versorgungsqualität.“
Die BVMed-Konferenz zum medizinischen Fortschritt präsentierte drei Firmenbeispiele, wie aus einer Idee ein erfolgreiches Unternehmen werden kann.
> Dr. Lee S. Griffith stellte als Geschäftsführer und Gründer die „awenydd diagnostics GmbH“ vor. Das Unternehmen wurde gegründet in Freiburg und hat seinen Sitz in Köln. Awenydd entwickelt individuelle genetische Diagnostik rund um die Medikamentenverträglichkeit und -sicherheit. Hintergrund ist, dass es in Deutschland 16.000 Tote aufgrund unerwünschter Arzneimittelwirkungen gibt. „Dr. Griffith: „Unser Anspruch ist, jedem Menschen durch die gezielte Analyse seiner genetischen Unterschiede in der Reaktion auf Medikamente und Nährstoffe eine individualisierte medikamentöse Therapie zu ermöglichen“. Awenydd wurde im Jahr 2003 gegründet. Seitdem wurde das Unternehmen mehrfach ausgezeichnet unter anderem durch die Wirtschaftsinitiative Baden-Württemberg.
> Geschäftsführer Prof. Dr. Marc O. Schurr stellte die Leistungen der Novineon Healthcare Technology Partners GmbH mit Sitz in Tübingen vor. Zu den Dienstleistungen gehört die Begleitung der medizinischen Forschung für die Zulassung von Medizinprodukten oder die Beratung bei der Preisfindung und der Erstattungsfähigkeit. Novineon berät auch bei der frühzeitigen Entwicklung einer Vertriebsstrategie. Als Unternehmensbeispiel stellte Prof. Dr. Schurr die ovesco Endoscopy AG vor. Sie hat sich auf die Komplikationsbeherrschung in der flexiblen Endoskopie beispielsweise durch ein neuartiges Clipsystem spezialisiert. Novineon war bei der Überwindung der Zulassungshürde sowie der frühzeitigen Planung der klinischen Strategie behilflich.
> Vorstand Dr. Claus Michelfelder stellte die CMC Consulting AG vor, die aus dem baden-württembergischen Medizintechnik-Cluster hervorgegangen ist. CMC berät Unternehmen mit Innovationen und deren Platzierung im nationalen und internationalen Markt. Ein spezielles Wissensmanagement-Werkzeug ist dabei behilflich, die richtigen Allianzen und Partner beispielsweise für Finanzierungen zu finden. Geschäftsführer Guntmar Eisen stellte als Unternehmensbeispiel die Paradigm Spine GmbH vor. Paradigm Spine ist ein Anbieter von Wirbelsäulenimplantaten. Das Unternehmen entwickelt ein vollständiges Produktportfolio nicht fusionierender, gewebeschonender Verfahren, die die Funktion der Wirbelsäule erhalten.
Moderiert wurde die Konferenz von der Hamburger Medizinjournalistin Renate Harrington.
Hinweis an die Medien: Druckfähiges Bildmaterial zur Konferenz kann im Internet unter www.bvmed.de (Bilder – Veranstaltungen) heruntergeladen werden.
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