E-Commerce

9. E-Commerce-Konferenz: „Technische Lösungen liegen auf dem Tisch!“ Anton J. Schmidt: „Elektronische Beschaffungsprozesse helfen den Krankenhäusern zu überleben“

28.02.2007 - 19/07

Frankfurt. „Elektronische Beschaffungsprozesse – kurz E-Procurement - stehen im Gesundheitsmarkt vor dem Durchbruch. Die Konsolidierung der Dienstleister hat stattgefunden, die E-Procurement-Plattformen sind gut aufgestellt. Die technischen Lösungen liegen auf dem Tisch.“ Dieses positive Fazit zogt der BVMed-Vorstandsvorsitzende Anton J. Schmidt (Ethicon GmbH) auf der 9. E-Commerce-Konferenz von MedInform am 27. Februar 2007 vor rund 220 Teilnehmern von Kliniken, Lieferanten und Dienstleistern in Frankfurt. MedInform ist der Informations- und Seminarservice des BVMed. Bei den Vorteilen der E-Procurement-Lösungen für Kliniken und Lieferanten waren sich alle Experten einig: sie liegen in der Erhöhung der Versorgungssicherheit, dem Wegfall von Medienbrüchen und manuellen Schritten, der Entlastung des Pflegepersonals, der Verbesserung der Datenqualität, weniger fehlerhaften Bestellungen und Kosteneinsparungen durch Standardisierung der Prozesse. Studien belegen, dass E-Procurement Einsparungen von bis zu 45 Prozent der Prozesskosten ermöglicht.

Ein weiterer Aspekt rückt mehr und mehr in den Fokus: die besondere Bedeutung von elektronischen Beschaffungsprozessen für die Datenerhebung und die Datenanalyse. „Die Auswertungstools werden immer wichtiger“, so Prof. Dr. Ursula Hübner von der Fachhochschule Osnabrück und AGKAMED-Geschäftsführer Dr. Oliver Gründel unisono. Das Schlagwort lautet „Business Intelligence“. Die Industrievertreter sprachen zudem von dem Aspekt der „Patientensicherheit“. Voraussetzung dafür sind strukturierte Daten über einheitliche Standards und Klassifikationen. Hier zeigten die IT-Experten Fortschritte in den globalen Standardisierungsbemühungen durch die „Healthcare User Group“ (HUG) unter dem Dach der GS1 auf. Vertreter privater Klinikketten betonten die Bedeutung eines partnerschaftlichen Ansatzes: „Wir müssen die Prozesse in den Kliniken optimieren und die Datenqualität verbessern. Das geht nur gemeinsam mit der Medizinprodukteindustrie“, so Wolfgang Zeise von der Rhön-Klinikum AG. Adelheid Jakobs-Schäfer von den HELIOS-Kliniken berichtet, dass bereits 38 Lieferanten „tief integriert“ seien, also bis zur elektronischen Rechnungslegung.

 


Für die Medizinprodukteindustrie sei E-Commerce bereits zum Standard geworden. Standardisierte Kommunikationswege seien etabliert, so Anton J. Schmidt. Die technisch mögliche Fax-Automatisierung sieht er „als Vorstufe zu E-Commerce“. Die Premium-Lösung bleibe die tiefe Integration in die Systeme der Kliniken und Lieferanten. Schmidt: „E-Procurement ist weit mehr als nur ‚Bestellen’. Es hilft den Krankenhäusern, zu überleben.“ Denn Logistikprozesse hätten einen erheblichen Einfluss auf alle Abläufe und Leistungsbereiche im Krankenhaus und seien ein wesentlicher Bestandteil von Qualität. Die mit der Logistik verbundenen Prozesskosten bieten dabei ein erhebliches Einsparpotential. Bestreben der Unternehmen der Medizintechnologie sei es, die Krankenhäuser bei der Prozessoptimierung zu unterstützen. Neben E-Procurement seien hier die Stationsbelieferung oder die Konsignationslager zu nennen, um Einsparpotentiale zu ermöglichen. „Unser Ziel ist die Optimierung der Beschaffungskette in Partnerschaft mit unseren Kunden“, so Schmidt.

BVMed-Kommunikationsleiter Manfred Beeres stellte zu Beginn der Konferenz die Ergebnisse der zweiten E-Commerce-Umfrage vor, an der sich über 17o Teilnehmer, darunter 101 Lieferanten und 58 Kliniken, beteiligt hätten (siehe BVMed-Pressetext 18/07). Rund 70 Prozent der Kliniken und Medizinprodukte-Lieferanten in Deutschland wickelten demnach bereits elektronische Bestellungen über eine E-Procurement-Plattform ab. 64 Prozent der Teilnehmer sind an GHX angebunden, 22 Prozent an Medical Columbus und 9 Prozent an die GSG (Comparatio). Klar ist: Der Kostendruck im Gesundheitsmarkt führt zu einem zunehmenden Fokus auf Prozessoptimierungen. „Die bisherige Zurückhaltung bei E-Commerce muss aufgegeben werden, damit alle Seiten gewinnen können“, so Beeres.

Prof. Dr. Ursula Hübner vom Lehrstuhl für Krankenhausinformatik und Quantitative Methoden der Fachhochschule Osnabrück berichtete von einer vergleichenden Studie über die Nutzung von E-Procurement in Deutschland, USA und England – aufgeschlüsselt nach Kliniken und Lieferanten. Dazu führte ihr Lehrstuhl eine qualitative Analyse in Form von Telefoninterviews mit Kliniken und Lieferanten, die sich schon lange mit dem Thema auseinandersetzen, durch. Wichtigste Aspekte für die Krankenhäuser sind die Prozessoptimierung, die Bereinigung des Sortiments, die häufig als Standardisierung bezeichnet wird, sowie die Verbesserung der Bestelldisziplin – und damit Einsparungen. Das artikulieren Krankenhäuser in den unterschiedlichsten Ländern in gleicher Weise. Für die Hersteller steht die Prozessautomatisierung im Vordergrund. Ganz zentral sind die Ziele, Fehler bei den Bestelldaten zu reduzieren und den Kunden zu helfen. Eine überraschende Erkenntnis ist, dass das Thema E-Procurement „Konsens schafft auf Klinik- und Lieferantenseite - über die Ländergrenzen hinweg“, so Prof. Hübner. „Bei den Engagierten hat man eine gemeinsame Sprache gefunden.“ Unterschiede sind bedingt durch unterschiedliche Verfahren des Einkaufs. So überwiegen in den USA die Einkaufsgemeinschaften über frühe Einbindung der Kliniker. Ihr Fazit: Wichtigstes Ziel ist die Verbesserung der Datenlage durch E-Procurement, die Analysen – auch im klinischen Bereich – ermögliche. „Die Kostenreduzierung steht dabei gar nicht so sehr im Mittelpunkt.“

Für Dr. Oliver Gründel, Geschäftsführer der AGKAMED GmbH, „ist die Nutzung von E-Procure¬ment für eine Einkaufsgemeinschaft heute unerlässlich, denn die Beschaffung von medizinischen Produkten ist weitestgehend durch IT-Prozesse bestimmt. Die AGKAMED vertritt rund 110 Krankenhäuser mit über 35.000 Betten sowie 50 Altenheime. Die Vereinheitlichung des Bestellprozesses, der Zugriff auf Produktdaten aus einem zuvor festgelegten Produktportfolio, eindeutige Preisinformationen und die Rückübermittlung von Lieferavis, Lieferschein und Rechnung realisieren deutliche Einsparpotentiale auf Seiten der Klinik, so Gründel. Die AGKAMED verfolge den Lösungsansatz durch eine strategische Partnerschaft zwischen Kliniken und Lieferanten. Denn: „Gemeinsamer Erfolg macht stark.“ Diese strategische Partnerschaft beinhalte den Mehrwert für beide Seiten durch Prozessoptimierung, einen Abstand von der reinen Preisdiskussion, eine Zusammenarbeit und Integration innovativer Prozesse, die Etablierung von „Klinik Pathways“ und die Unterstützung der integrierten Versorgungskette. Dazu gehöre auch die Nutzung einer gut angebundenen Plattform wie GHX.

Die E-Business-Strategie der universitären Kooperation „Comparatio Health GmbH“ schilderte Michael Rönsch, Dezernent Zentrale Beschaffung des Uniklinikums Schleswig-Holstein. Gesellschafter der Comparatio sind die Unikliniken Hannover, Göttingen, Greifswald, Magdeburg und Schleswig Holstein. Die Gesellschaft arbeite nach dem „Lead-Buyer-Konzept“: Jedes Haus stellt einen Koordinator, der den strategischen Einkauf einzelner Produktgruppen für die Gemeinschaft übernimmt. Die Bestelldaten werden an eine gemeinsame Einkaufsdatenbank GROPIS übermittelt. Die Identifizierung erfolgt über Lieferantenartikel-Nummern, Umsatzsteuer-ID und GPI-Klassifikation. Die Einkaufsdatenbank enthält 475.000 Bestellpositionen mit 5.000 Lieferanten. Der Umsatz beträgt 230 Millionen Euro, davon 134 Millionen klassifiziert. Wichtig für die künftige Entwicklung sei die Verwendung des GS1-Standards (EAN-Codes). Die Comparatio engagiere sich daher auch in der globalen Arbeitsgruppe HUG (Healthcare User Group) von GS1 (ehemals CCG). Vorreiter sei Großbritannien, das bereits GS1 zum Standard im Gesundheitswesen auf Anweisung des Gesundheitsministeriums gemacht habe. Die Comparatio plant die vollständige Einführung der GS1-HUG-Klassifikation im Jahr 2008.

Torsten Frerichs, Leiter Einkauf/Logistik des Universitätsklinikums Mannheim, berichtete von den Erfahrungen mit dem System von Medical Columbus. Das Haus ist seit 1998 Mitglied der EKK-Einkaufsgemeinschaft. Die Uniklinik hat einen Jahresumsatz von rund 250 Millionen Euro und etwa 70.000 stationäre Fälle. Jährlich ergehen 20.000 Bestellungen an 170 Lieferanten, davon 80 Prozent medizinischer Sachbedarf. Die interne Materialanforderung erfolgt über SAP R/3, die Bestellabwicklung seit 2003 über den „Transactor“ von Medical Columbus. Die Kontrolle ist über ein internetbasiertes Status-Tool sowie zusätzliche Benachrichtigungen über E-Mail zwei Mal täglich sichergestellt. Seit Dezember 2006 gebe es eine Testphase mit elektronischer Rechnung in Abstimmung mit den Wirtschaftsprüfern. Die geplante Endstufe sieht einen automatisierten Prozess bis zum Zahllauf der Finanzbuchhaltung vor. Frerichs Fazit: „E-Procurement funktioniert nur, wenn zuvor die Prozesse untersucht und optimiert wurden, die Datenpflege ernst genommen wird und leistungsfähige externe Partner ins Boot geholt werden.“ Wichtig sei auch, die Mitarbeiter und Lieferanten bei der Umsetzung mitzunehmen und die Einspareffekte realistisch einzuschätzen. „Dann ist E-Procurement der Weg zu höherer Prozessgeschwindigkeit, Fehlerreduzierung, mehr Transparenz, Hochverfügbarkeit von Informationen und Wertschöpfung für alle Beteiligten.“

Für Alfons Rathmer, IT-Manager Health Care Business und IT-Alignment Manager bei 3M, ist das Thema E-Commerce „unter technischen Aspekten eigentlich abgehakt“. Die Technik stelle kein Hemmnis mehr dar. Jeder Kunde könne heute dort abgeholt werden, wo er steht – bis hin zu Fax-Lösungen bei vom Computer generierten Faxen. „Auf jeder Ebene können wir die Beteiligten abholen und bedienen.“ Positiv sei die Durchsetzung der EAN-Standards bei den Bestelldaten in den letzten zehn Jahren. Mit der HUG-Initiative unter dem GS1-Dach versuche man, den EAN 128-Code weltweit als Standard zu etablieren. Demnächst werde eine deutsche Landesgesellschaft gegründet. Das sei die „Pflicht“: „Saubere Stammdaten sind das A und O“ so Rathmer. Der Fokus müsse nun erweitert werden: auf den Aspekt der Patientensicherheit, auf optimierte Prozessketten. Rathmer: „Optimierte Behandlungsabläufe gehen nur durch Digitalisierung und entsprechende Auswertung der Versorgungsdaten.“ Die Voraussetzungen seien jetzt günstig. Man habe das Verständnis für die Prozesse, die Technik stehe zur Verfügung. Jetzt müsse gehandelt werden, um Prozesse zu vernetzen, Fehler zu reduzieren und die Versorgungsketten zu optimieren.

Aktuelle Entwicklungen bei dem E-Procurement-Dienstleister GHX Europe nach der Übernahme von Medicforma schilderten Europachef Peter Elmer und Deutschland-Geschäftsführer Norbert Kruchen. GHX sei weltweit der größte Marktplatz im Gesundheitsmarkt. In Europa habe GHX 100 Mitarbeiter, davon 60 Techniker. Das Transaktionsvolumen liege in diesem Jahr bei rund 3 Milliarden Euro. GHX Europe will aktiv Lösungen im Gesundheitswesen vorantreiben, „um die Prozesse und die Kostenstruktur entlang der gesamten Versorgungskette positiv zu beeinflussen“, so Elmer. Zum aktuellen Stand bemerkte er, dass das Roaming zwischen der „alten“ GHX Europe und der früheren Medicforma signifikant verbessert und die Produktivität um mehr als 20 Prozent gesteigert werden konnte. Für die elektronische Rechnung sei ein einheitliches Verfahren zur Übermittlung der Daten etabliert.

Norbert Kruchen berichtete von einem dreimonatigen GHX-Projekt mit den Städtischen Kliniken München. GHX fasste u. a. die 26.000 Materialstammdatensätze von 5 Kliniken zu einem Artikelstamm mit der Identifikation identischer Datensätze zusammen und nahm ein Clearing der Artikel bzw. Hersteller vor. Die Klassifizierung erfolgte nach der GPI-Struktur und ecl@ss. Der einzelne Artikel wurde pro Produktgruppe und nach einer Systematik aufbereitet. Dadurch ist eine bessere Vergleichbarkeit gerade bei erklärungsbedürftigen Produkten möglich. Kritisch merkte Kruchen an, dass es im europäischen Markt keine Standardklassifikation für Medizinprodukte gebe. Der US-Standard UNSPSC werde von der Mehrzahl der Lieferanten und Kliniken nicht akzeptiert. GHX verwendet derzeit GPI und ecl@ss. Zum aktuellen Stand von GHX Deutschland: 900 Kliniken werden von 210 Häusern versorgt. 130 weitere Krankenhäuser bestellen über Sedico ihre Konsignationsprodukte für die OP-Abteilungen und Herzkatheterlabore. 30 Kliniken nutzen das Roaming mit Medical Columbus, ein Haus mit GSG. 120 Lieferanten verfügen über die tiefe Integration, davon 51 bis zur elektronischen Rechnung.

Die anschließende Podiumsdiskussion der E-Commerce-Plattformen gab eine Übersicht zu den weiteren Dienstleistern.

Halim Boustani von Medical Columbus (MC) betonte die Schlüsselrolle von IT-Systemen aufgrund der außerordentlichen Informationsintensität im Gesundheitsmarkt. „Zwischen 20 und 40 Prozent der gesamten Aktivitäten sind Datenerfassungs- und Kommunikationsleistungen. Deshalb wird dem Thema E-Commerce für die Optimierung von Arbeitsprozessen eine gesteigerte Aufmerksamkeit entgegengebracht“, so Boustani. Medical Columbus habe über Jahre hinweg Standards bei der Normierung von Katalogdaten sowie den dazugehörigen komplexen Klassifizierungssystemen gesetzt. Denn ein einheitlicher Datenstamm sei für das Controlling-System der Kliniken von großem Vorteil. Boustanis Fazit: „Auf Seiten der Industrie ist der Bedarf an der kompletten Umsetzung des E-Commerce anerkannt. Hier überwiegen die Prozess-Vorteile wie Zeitersparnis und Fehlerreduzierung, die wiederum aus der tiefen Integration resultieren. Die meisten Krankenhäuser priorisieren dagegen vorerst saubere Controlling-Daten und zögern daher, die Kosten und den Projektaufwand für die Umsetzung der tiefen Integration bereitzustellen.“ Die Zusammenarbeit mit GHX bezeichnete Boustani als sehr gut, das Roaming funktioniere.

GSG-Geschäftsführer Dr. Frank Brüggemann stellte den Stand der 2005 gegründeten krankenhausgetriebenen Plattform vor. GSG steht für Gesellschaft für Standardprozesse im Gesundheitswesen. Anteilseigner sind Trinovis (75,1 Prozent) und Comparatio (24,9 Prozent). Angeschlossen sind die fünf norddeutschen Unikliniken mit sechs Standorten. Die GSG-Plattform basiert auf Microsoft-Technologien. Die Zusammenarbeit mit der GHX „funktioniert hervorragend“, so Dr. Brüggemann. Er berichtete auch über die Arbeit der HUG-Gruppe in GS1, in der er als Comparatio-Vertreter sitzt. Ziel sei es, die GS1-Standards (EAN-Codes) weltweit zu etablieren. Sein Fazit: „Die internationalen Standards, die IT-Technik und das partnerschaftliche Miteinander sind im Wesentlichen gelöst.“ Jetzt müsse gehandelt werden. „Lieferanten und Kliniken können mit der Entwicklung und Einhaltung von Standards nicht nur deutlich zu einer Senkung der Prozesskosten beitragen, sondern zudem durch die Nutzung eines Codierungsstandards Prozesse zur Verbesserung der Patientensicherheit etablieren.“

Moderator und BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt kündigte an, dass sich die Konferenzreihe nun mehr dem Oberthema „Digitalisierung“ bzw. „Digitale Vernetzung im Gesundheitsmarkt“ widmen werde. Neben dem Baustein „Elektronische Beschaffung“ gehörten dazu Themen wie die elektronische Patientenakte, globale Barcodes und RFID, globale Produkt-IDs und Kommunikationsstandards oder eCard und eRezept.

Die 10. E-Health-Konferenz von MedInform findet am Dienstag, 26. Februar 2008 statt.


Hinweis an die Medien
Digitale Bilder zur Konferenz können unter
http://www.bvmed.de/bilderpool/Veranstaltungen/270207e-commerce/ hochauflösend abgerufen werden.


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