Innovationen

2006-11: Trends in der Medizintechnologie



Artikel für vis-a-vis, November 2006, von Joachim M. Schmitt & Manfred Beeres, BVMed



Trends in der Medizintechnologie

Joachim M. Schmitt
BVMed-Geschäftsführer & Mitglied des Vorstands

Manfred Beeres
Leiter Kommunikation, BVMed


Die Entwicklung der Medizintechnologie ist mit dem Ende des 20. Jahrhunderts noch lange nicht beendet. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass der Fortschritt noch rasanter werden wird. Eine Reihe weiterer hochinnovativer Technologien ist bereits im Stadium der klinischen Prüfung oder kurz davor. Medizintechnologien, die Zukunft haben, sind aus Sicht der Experten die Mikrosystemtechnik/Micromachines (minimal-invasive Methoden, z. B. Kapselendoskop oder steuerbare Katheter) sowie Navigations- und Hilfssysteme für chirurgische Instrumente oder in der Pflege. Die „meist forcierten Forschungsgebiete“ der Medizinprodukteindustrie sind aus Expertensicht: Orthopädie (v. a. Wirbelsäulenchirurgie und Biomaterialien), Kardiologie (v. a. Beschichtungsverfahren von Medizinprodukten und minimal-invasive Verfahren) und Innere Medizin (v. a. Endoskopie, Diabetes).

Die internationalen Entwicklungen in der Medizintechnologie sind u. a. gekennzeichnet durch fortschreitende Miniaturisierung, verstärkten Einsatz von IT-Technologien, die Entwicklung neuer Biomaterialien mit verbesserter Verträglichkeit und die Integration biotechnologischer Verfahren. Nur solche Entwicklungen werden dauerhafte Zukunftschancen für neue Produkte und somit zusätzliche sichere Arbeitsplätze bieten, die auch einen messbaren Beitrag zu größerer Leistungsfähigkeit oder Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen erbringen. Die frühzeitige Abschätzung dieser Leistungsfähigkeit macht besondere Verfahren auf dem Wege der Produktentwicklungen sinnvoll und erforderlich.

Die Medizintechnik-Studie des BMBF nennt als die drei wichtigsten Trends der Medizintechnik: Computerisierung, Miniaturisierung und molekulare Funktionalitäten.

1. Die Computerisierung hält aufgrund der Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnik unvermindert an.

Schon heute sind viele Fachleute davon überzeugt, dass die Computerunterstützung insbesondere bei der Bildverarbeitung, Modellierung und Simulation weiter deutlich zunehmen wird. Mit Hilfe von neuen modellbasierten Methoden der Biosignalverarbeitung lassen sich die physiologischen Ursachen von Krankheiten immer gezielter aufdecken. Implantate werden aufgrund verbesserter Hardware immer leistungsfähiger. Durch den Aufbau modellbasierter Regelkreise erhalten Therapiesysteme, die z. B. in Dialyse oder Beatmung eingesetzt werden, eine noch intelligentere Steuerung. Eine modellbasierte Bildverarbeitung erlaubt darüber hinaus die Darstellung wichtiger funktioneller Informationen für eine optimierte Therapieplanung. Bei der Patientenbehandlung werden alle vergleichbaren Fälle der Vergangenheit analysiert und daraus konkrete Diagnostik- und Therapievorschläge abgeleitet.
Ein zweites Feld sind E-Health, Telemedizin und TeleMonitoring sowie die erforderliche Vernetzung. Eng verbunden mit diesen Ansätzen ist die Vision einer europaweiten elektronischen Patientenakte. Datenstrukturen werden so entworfen, dass der größtmögliche Vorteil für die Patienten entsteht und der Datenschutz gesichert ist. Telemedizin und adaptives Workflow Management sollen zu Kosteneinsparungen und Qualitätsverbesserungen führen. Personal Healthcare zur Versorgung chronisch Kranker und alter Personen in ihrem häuslichen Umfeld wird flächendeckend eingeführt. Erste Ansätze
dazu sind bereits vorhanden, die wirtschaftlichen Vorteile der Telemedizin sind erheblich.

2. Daneben etabliert sich die Molekularisierung, die besonders durch Biotechnologie, Zell- und Gewebetechnik repräsentiert ist.

Viele Experten erwarten, dass die Medizintechnik für die Regenerative Medizin deutlich an Gewicht gewinnt. Eine Ursache dafür liegt darin, dass die Zell- und Gewebetechnik in den kommenden Jahren den Schritt von der Grundlagenforschung zur Anwendung vollziehen kann. Die Entwicklung von neuen funktionellen Biomaterialien muss dabei einbezogen werden. Sie sollen bessere biomimetische (also natürliche Vorgaben nachahmende) Eigenschaften besitzen, die eine einfachere Zellbesiedlung und Integration in den Körper ermöglichen. Implantate sollen zusätzliche Funktionalität im Sinne von "Regeneration der biologischen Funktion" erhalten. Forschergruppen in v ielen Teilen der Welt arbeiten bereits daran, Nanopartikel für das Drug Delivery zu entwickelt und zu nutzen.

3. Immer noch in großen Schritten verläuft zudem die Miniaturisierung, die durch Mikrosystemtechnik, Nanotechnologie und Optische Technologien vorangebracht wird.

Bei BioMEMOS (Bio Microelectromechanical and Optical Systems) handelt es sich um die Anwendung von Mikrosystemen in der Medizintechnik, die immer weiter zunimmt. Neben Aspekten der Bioverträglichkeit beziehen sich weitere wichtige Teilbereiche auf Implantierbare Mikrosysteme, die aktiv oder passiv, sensorisch, telemetrisch oder mit Nervenankopplung funktionieren können. Von großer Bedeutung ist auch die In-vitro Diagnostik z. B. mit DNA- oder Protein-Chips sowie Lab-on-a-Chip-Systemen. Weitere Ansatzpunkte sind die Mikrofluidik, die Point-of-Care Diagnostik, also Laboruntersuchungen direkt vor Ort beim Arzt, die Zeit und Geld sparen, sowie die Zelldiagnostik. Mikrosystemtechnik in Form von Mikrozerstäubern, -dosierern, und -injektion dürfte das Drug Delivery maßgeblich beeinflussen.
Angestrebtes Ziel innerhalb des Forschungsfeldes funktionelle und zellbiologische Bildgebung ist es, Krankheiten früher zu entdecken, ihren molekularen Ursprung zu erkennen und die Therapie besser zu kontrollieren, die im Allgemeinen minimal-invasiv oder molekularbiologisch erfolgt. Teilbereiche des Forschungsfeldes sind die molekulare, funktionelle und optische Bildgebung. Hinzu kommen Marker und Sonden sowie die 4D-Bildgebung.
Interventionen werden künftig noch häufiger mit minimal-invasiver Chirurgie ausgeführt werden. Schlagworte hierbei sind: bildgeführt, katheterbasiert, endoskopisch und stereotaktisch. So sollen Sonden präzise navigiert im Körper platziert werden, um vor Ort eine detaillierte Diagnostik und Therapie durchführen zu können.

Technologieführerschaft

Für die weltweite Technologieführerschaft werden in allen Feldern die USA genannt, in Europa gelten oftmals Deutschland und Großbritannien als führend. Klinische Experten sehen Informations- und Kommunikationstechnologie, Zell- und Biotechnologie, Mikrosystemtechnik und Nanotechnologie als die vier wichtigsten Schlüsseltechnologien für die Medizintechnik an.

Experten sehen für die Medizintechnik auch ein wichtiges Innovationsfeld in der Biosensorik, um Chiptechnologien auf biologischer Basis nutzbar zu machen und dann elektronisch weiterzuverarbeiten. Weitere Bereiche sind „Rapid Prototyping“ als Vorstufe für technische Lebenshilfen wie der Prothetik, digitale Mikroskopie, medizinische Robotik durch Sprachsteuerung oder die Medizininformatik.

Fazit

Das Fazit könnte lauten: Die Medizintechnik hat ein hohes Innovationspotential durch personelle und thematische Zusammenführung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen. Klar ist: Die Entwicklung der Medizintechnologie ist mit dem Ende des 20. Jahrhunderts noch lange nicht beendet. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass der Fortschritt noch rasanter werden wird. Wir stehen am Beginn einer medizintechnologischen Revolution.



Langfassung/Ergänzende Informationen:

Trends der Medizintechnologie

Die Entwicklung der Medizintechnologie ist mit dem Ende des 20. Jahrhunderts noch lange nicht beendet. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass der Fortschritt noch rasanter werden wird. Eine Reihe weiterer hochinnovativer Technologien ist bereits im Stadium der klinischen Prüfung oder kurz davor. Man kann ganz sicher davon ausgehen, dass auch die Geschichte der nächsten 100 Jahre eine Geschichte der Erfolge der Medizintechnologien sein wird.

Medizintechnologien, die Zukunft haben, sind aus Sicht der Experten die Mikrosystemtechnik/Micromachines (minimal-invasive Methoden, z. B. Kapselendoskop oder steuerbare Katheter) sowie Navigations- und Hilfssysteme für chirurgische Instrumente oder in der Pflege.

Die „meist forcierten Forschungsgebiete“ der Medizinprodukteindustrie sind aus Expertensicht: Orthopädie (v. a. Wirbelsäulenchirurgie und Biomaterialien), Kardiologie (v. a. Beschichtungsverfahren von Medizinprodukten und minimal-invasive Verfahren) und Innere Medizin (v. a. Endoskopie, Diabetes).

Die internationalen Entwicklungen in der Medizintechnologie sind u. a. gekennzeichnet durch fortschreitende Miniaturisierung, verstärkten Einsatz von IT-Technologien, die Entwicklung neuer Biomaterialien mit verbesserter Verträglichkeit und die Integration biotechnologischer Verfahren. Nur solche Entwicklungen werden dauerhafte Zukunftschancen für neue Produkte und somit zusätzliche sichere Arbeitsplätze bieten, die auch einen messbaren Beitrag zu größerer Leistungsfähigkeit oder Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen erbringen. Die frühzeitige Abschätzung dieser Leistungsfähigkeit macht besondere Verfahren auf dem Wege der Produktentwicklungen sinnvoll und erforderlich.

Beispiele für Medizintechnologien der Zukunft

Regenerative Medizin/Tissue Engineering

Darunter verstehen wir die Wiederherstellung oder den Ersatz von verletzten Körpergeweben und Organen durch natürliche oder biotechnologische Produkte. Die Regenerative Medizin bietet Patienten für die Zukunft einen großen potentiellen Nutzen. Anstelle der Verwendung von künstlichen implantierten Prothesen erlaubt diese Art von Technologie z. B. den Austausch von verletzter Haut, Knorpeln, Knochen oder Blutgefäßen mit "biotechnologischem" Gewebeersatz, der auf einem Gerüst aus Biomaterial erzeugt wurde und meist aus den eigenen Zellen oder Geweben des Patienten besteht. Dadurch werden sowohl die Biokompatibilität als auch die Chancen auf bessere Langzeitprognosen deutlich erhöht.

Zelltherapien

Menschliche Zellen werden künftig Überbringer für Diagnose und Behandlung sein. Ein Beispiel dieser neuen Art der Therapie sind T-Lymphozyten, die biotechnologisch verändert wurden, um z. B. winzige metallische Partikel zur Stelle eines Tumors zu bringen, wo sie dann magnetisch oder durch Licht aktiviert werden und so den Tumor zerstören. Solche Verfahren könnten eine neue Generation der Behandlung von Krebs oder anderen Krankheiten an mit herkömmlichen Mitteln schwer zu erreichenden Stellen einläuten.

Nanomedizin

Die Verwendung von Materialien, Werkzeugen, Techniken und Geräten in der Medizintechnologie in Dimensionen unter 100 Nanometer wird die Medizin revolutionieren. Die Auswirkungen von Nano-Biomedizin dürften massiv sein. Sie wird die Diagnostik revolutionieren, da sie nicht nur eine weitaus schnellere Entdeckung von Krankheiten wie Krebs und von physiologischen Abweichungen ermöglicht, sondern auch die Entwicklung von "intelligenten" medizinischen Materialien, In-vivo-Überwachung und viele weitere Anwendungen. Nanotechnologie bietet außerdem die Möglichkeit, minimal-invasive Sensoren, z. B. so genannte "Lab-on-a-Chip"-Systeme, zu entwickeln, die Dutzende oder sogar Hunderte von Analysen bereits im Körper durchführen können, ohne dass die Inanspruchnahme eines Labors nötig wird. Dadurch werden Diagnose und Überwachung beschleunigt. Ein Beispiel sind unter der Haut implantierte Blutzucker-Überwachungsgeräte.

Minimal-invasive chirurgische Technologien

Minimal-invasive Operationstechniken entwickeln sich mit rasanter Geschwindigkeit. Die Vorteile solcher Technologien sind die geringere Verletzung der Patienten während der Behandlung sowie weitaus kürzere Genesungszeiten. Viele Verfahren, die früher einen längeren Krankenhausaufenthalt nötig machten, können jetzt routinemäßig in ambulanten oder Tageskliniken durchgeführt werden, was die Gesundheitsausgaben stark reduziert.

Hochentwickelte biomedizinische Werkstoffe

Die Entwicklung neuer Materialien für medizinische Anwendungen geht ununterbrochen weiter. Beispiele für kürzlich entwickelte Materialien sind Hydrogele, die die Infektionsrate während einer Katheterisierung erheblich reduzieren, oder so genannte "Gedächtnislegierungen" (memory alloys), mit deren Hilfe Stents schnell und präzise gesetzt werden können.

Vernetzung von medizintechnologischen Produkten und Krankenhaussystemen durch Informationstechnologien

Der effektive Einsatz von IT in der Medizintechnologie wird immer wichtiger. Das typische moderne Krankenhaus ist ein unübersichtliches Netz aus medizintechnologischen Produkten wie Bildgebungssystemen, Scannern, Röntgenapparaten und Überwachungssystemen in der Intensivmedizin. Durch die Integration der zahlreichen Technologien und die Möglichkeit, wichtige Patientendaten innerhalb und zwischen verschiedenen medizinischen Einrichtungen zu speichern, zu übertragen und auszutauschen, beginnt der Einsatz von Informationstechnologien nun, dieses Umfeld in ein tatsächliches "System" umzuwandeln. Auch die Integration in Verwaltungs- und Wirtschaftssysteme wird ermöglicht.

Telemedizin

Die ferngesteuerte routinemäßige Überwachung von Patienten, denen z. B. kardiologische Implantate eingesetzt wurden, mit Lesegeräten, die die entsprechenden Daten über Telekommunikations- oder Internetverbindungen übertragen, wenn sie vom Patienten an seine Brust gehalten werden, könnten einige Bereiche der medizinischen Versorgung revolutionieren. Diese Art der Technologie wird es außerdem Ärzten in abgeschiedenen Gegenden ermöglichen, bequem, ohne Verzögerungen und in Echtzeit Fachzentren zu konsultieren.

Im Fokus: Nanotechnologien

Nanotechnologien werden in der Medizin eine bahnbrechende Rolle spielen. Darin sind sich alle Experten einig. Wir wollen im folgenden diesen Bereich etwas näher beleuchten und die verschiedensten Anwendungsmöglichkeiten umschreiben.

Einführung in die Nanotechnologie

Ein Nanometer ist der milliardste Teil eines Meters. Er ist damit 80.000fach kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haares und entspricht der Größe von ungefähr drei bis fünf Atomen. Nanotechnologie bewegt sich also in einem Größenbereich, der kleiner kaum noch werden kann. Nanotechnologie umfasst sowohl Feinmechanik und Elektronik, als auch elektromechanische Systeme (z. B. so genannte "Lab-on-a-Chip"-Systeme) und etablierte biomedizinische Anwendungen.

Ein großer Anteil der Forschung wird darauf verwendet, neue "intelligente" Biomaterialien zu entwickeln, die auf verschiedene Arten innerhalb des Körpers reagieren können, z. B. um Medikamente aufzunehmen und freizusetzen.

Es gibt zahlreiche potentielle Anwendungsbereiche für Nanotechnologie in medizintechnologischen Produkten. Die folgenden Beispiele zeigen nur einige der vielen Anwendungsmöglichkeiten, die zur Zeit entwickelt werden oder sich in der Forschungsphase befinden.

"Künstliche Muskeln"

Anfang der 90er Jahre wurden die so genannten "Carbon Nanotubes (CNT)" entdeckt, Kohlenstoffröhrchen mit einem Durchmesser von wenigen Nanometern. CNT gelten als der am raschesten wachsende Bereich der Nanotechnologie. Mit der Entdeckung (1998), dass Carbon Nanotubes wie "künstliche Muskeln" wirken, hat sich ein großes Anwendungspotential für die CNT als "Aktuatoren" in der Medizin eröffnet. Anwendungen sind z. B. denkbar in der Orthopädie, der Endoskopie oder der minimalinvasiven Chirurgie.

Produkte aus menschlichem Gewebe

Dieser Bereich der Industrie wächst rapide. Produkte aus menschlichem Gewebe bieten gegenüber der traditionellen Behandlung viele Vorteile. Die Verwendung von Eigengewebe bei der Behandlung eines Patienten zur Wiederherstellung von verletztem oder krankem Gewebe kann zum Beispiel Probleme wie die Biokompatibilität oder komplexe technische Herausforderungen vermeiden und die volle Funktionalität viel schneller wiederherstellen. In vielen Fällen müssen menschliche Zellen oder Gewebe jedoch auf einer physischen Matrix oder einem "Gerüst", das oft aus einem hochentwickelten Material besteht, gezüchtet werden um den nötigen dreidimensionalen Halt zu bieten. Es wurde herausgefunden, dass die Nanomodellierung der Oberfläche eines solchen Gerüsts das Zellwachstum oftmals anregen kann. Die Zellen folgen rapide den nanoskopisch eingekerbten Strukturen, wodurch die Matrix schneller mit den benötigten Zellen oder Geweben gefüllt wird.

Hochentwickelte Materialien für Implantate

Oberflächen können auf Nanoebene behandelt werden um die physikalischen oder chemischen Eigenschaften von Implantatmaterialien zu verändern, z. B. um die Biokompatibilität zu verbessern, das Gewebewachstum um das Implantat anzuregen oder die Reibung und dadurch bedingte Abnutzung zu verringern. Dadurch werden weniger Revisionsoperationen nötig.

Neue "intelligente" Werkstoffe

Ein großer Anteil der Forschung wird darauf verwendet, neue "intelligente" Biomaterialien zu entwickeln, die auf verschiedene Arten innerhalb des Körpers reagieren können, z. B. um Medikamente aufzunehmen und freizusetzen.

"In-vivo"-diagnostische Systeme

Es sind bereits Prototypen von nanotechnologischen "Lab-on-a-Chip"-Systemen entwickelt worden, die gleichzeitig eine Reihe von Analysen oder Messungen, z. B. von Blut, durchführen können. Es wird wahrscheinlich in absehbarer Zeit möglich sein, solche Geräte mit integrierten Rückmeldungssystemen zu implantieren, die wichtige diagnostische Daten an andere Geräte, z. B. aktive implantierte Medizinprodukte oder externe Lesegeräte, übermitteln.

Arzneimittelabgabesysteme

Es wird zur Zeit aktiv daran gearbeitet, nanotechnologische Produkte zu entwickeln, die ein Arzneimittel, z. B. ein Antikrebsmittel, zügig und zielgenau an die gewünschte Stelle bringen. Ähnlich wie die Medikament-freisetzenden Stents findet dabei eine Symbiose von Medizintechnologie und Arzneimittel – also physikalischer und pharmakologischer Wirkung – statt.

Sauerstofftransportsysteme

Es wurden einige Konzepte entwickelt, nach denen Nanomaschinen verwendet werden könnten, um unterversorgte Gefäße mit Sauerstoff zu beliefern.

Nanoroboter

Einige Forschungsbereiche beschäftigen sich mit der Entwicklung einer Reihe von Robotern mit verschiedenen Eigenschaften, die in den Körper eingeführt werden könnten, um z. B. Viren oder Bakterien anzugreifen oder Thrombose zu bekämpfen. Eine typische zukünftige nanomedizinische Behandlung könnte darin bestehen, in Flüssigkeit gelöste Nanoroboter zu injizieren. Einige Nanoroboter hätten die Aufgabe, sich über den Blutkreislauf zu ihrem Ziel zu bewegen, andere wären Nanoroboter, die nicht über das Blut getragen werden sondern sich durch das Gewebe oder auch durch den Verdauungstrakt oder die Atemwege bewegen.

Jede Art von medizinischem Nanoroboter wäre darauf ausgelegt, spezifische Aufgaben zu erledigen und zahlreiche Arten und Größen wären möglich. Nanoroboter könnten chemische Wirkstoffe direkt zu einer bestimmten Zelle transportieren oder geschädigte Organe finden und reparieren sowie Tumorzellen aufspüren und zerstören. Sie wären dazu in der Lage, während der Behandlung ihren Standort, den Funktionsstatus und den Erfolg oder das Scheitern der Behandlung zu übermitteln. Sie würden Ihnen ihre physikalischen Koordinaten im Körper mitteilen, damit Sie wissen wo sie sich befinden. Sie würden Ihnen mitteilen, wie viele Krebszellen sie gefunden und inaktiviert haben. Die Nanoroboter würden nur für eine bestimmte Zeit im Körper bleiben und die Reaktion des Immunsystems (Biokompatibilität) wäre im Prinzip nicht schwieriger zu bewältigen als bei medizinischen Implantaten im Allgemeinen. Im menschlichen Körper gibt es viele nützliche, jederzeit verfügbare Stromquellen für diese Nanogeräte und viele verschiedene Wege, um mit den Maschinen zu kommunizieren während sie ihre Arbeit verrichten.

Nanotechnologie in der Medizin: nur eines der vielen Beispiele innovativer Technologien in der Gesundheitsversorgung der Zukunft.


Fazit:
Wir stehen am Beginn einer medizintechnologischen Revolution.
Aber: Wie können wir Innovationen künftig bezahlen?


Die Entwicklung der Medizintechnologie war in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts äußerst dynamisch. Kunststoffeinmalprodukte, künstlicher Gelenkersatz, Schrittmachertechnologien oder minimal-invasive Verfahren sorgten für einen hohen Standard in der medizintechnischen Versorgung.

Trotz all dieser Fortschritte müssen wir feststellen: Wir stehen erst ganz am Anfang einer medizintechnologischen Revolution. Der Fortschritt wird noch rasanter werden. Denn in der Medizin entsteht eine Vielfalt neuer Technologien. Dazu gehören z. B. das Tissue Engineering, die Entwicklung neuer „intelligenter“ Materialien, die Integration von telemedizinischen Anwendungen in Behandlungsmethoden der Medizintechnologie, minimal-invasive Operationstechniken und die Nanotechnologie. Außerdem werden diese Technologien immer weiter integriert, wodurch hochentwickelte Therapien entstehen, die oft „traditionelle“ Grenzen und Bereiche überschreiten.

Die in diesem Kapitel genannten Beispiele von Medizintechnologien der Zukunft zeigen: moderne Medizintechnologien sind der Motor der Gesundheitswirtschaft und unentbehrlich für die Gesundheit und die Lebensqualität der Menschen. Aus den genannten Beispielen wird aber deutlich: Wir stehen an der Schwelle zu einer medizintechnologischen Revolution, die auch ethische Fragen aufwirft. Es muss vor allem offen darüber diskutiert werden, wie auch künftig die Innovationen der Medizintechnologie allen Patienten zeitnah zur Verfügung gestellt werden können.

Dafür brauchen wir eine Neuorientierung des deutschen Gesundheitswesens hin zu einer modernen und innovativen Gesundheitswirtschaft. Das geht nur mit einem klaren politischen Willen, die Gesundheitswirtschaft als Wachstumschance für Deutschland zu nutzen. Wenn wir das wollen, muss die derzeitige Fixierung der Politik auf die GKV-Finanzen überwunden werden. Allen ist klar, dass die Lohngebundenheit der Beiträge zur Gesetzlichen Krankenversicherung in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit, schwacher Konjunktur und massenhafter Frühverrentung ein Konstruktionsfehler ist, der zu einem Wegbrechen der Einnahmenbasis führt. Das GKV-System ist wie ein Korsett, das uns immer enger zuschnürt. Daran werden auch kurzfristige Korrekturmaßnahmen nichts ändern.

Der Bundesverband Medizintechnologie plädiert in dieser wichtigen Phase der Neuorientierung unseres Gesundheitssystems vor allem für eine neue Dialogkultur. Alle Beteiligten müssen sich als Partner in einer neuen, modernen und dynamischen Gesundheitswirtschaft verstehen. Fünf Maßnahmenvorschläge können aus unserer Sicht dazu beitragen, die erwähnten Wachstumspotentiale des Gesundheitssektors zu nutzen. Dazu gehören mehr Marktwirtschaft und Wettbewerb im Gesundheitswesen, eine Deregulierungs-offensive, eine ergebnisorientierte Bewertung von Leistungen in den Vergütungsstrukturen, neue, flexible und optionale Finanzierungsmodelle in der Gesetzlichen Krankenversicherung sowie messbare Gesundheitsziele.

Wir brauchen eine neue Gesundheitswirtschaft mit mehr wettbewerblichen Elementen. Wir brauchen mehr Wahlfreiheiten und mehr Eigenverantwortung der Versicherten. Wir müssen die Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung verbessern. Wir benötigen insgesamt ein innovationsfreundlicheres Klima, damit neue Behandlungsmethoden und Verfahren der Medizintechnologie schneller beim Patienten ankommen, wo sie Leben retten, Gesundheit erhalten und Lebensqualität verbessern.