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Stellungnahmen
Gesundheitswirtschaft 2005 plus – Neun Thesen Erläuterungen/Gesundheitspolitisches Positionspapier
Aufforderung zum Umdenken!
Das deutsche Gesundheitssystem, bisher als eines der besten gepriesen, läuft Gefahr, in seiner gegenwärtigen Form langfristig nicht überlebensfähig zu sein. Permanente Ausgabensteigerungen bei gleichzeitigen Einnahmenproblemen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) führten dazu, dass in den vergangenen Jahren die Ausgaben der GKV deutlich stärker als die Bruttoarbeitseinkommen gestiegen sind. Dies erfordert einen Mentalitätswechsel sowohl beim Leistungsempfänger als auch beim Leistungserbringer: Langfristig kann nur eine grundlegende Neugestaltung des Gesundheitssystems mit mehr Wettbewerb und Marktorientierung eine bezahlbare und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung sicherstellen. Deutschland wird nur dann an Dynamik gewinnen, wenn die Politik durch Entbürokratisierung, Deregulierung und Liberalisierung der Gesundheitsmärkte handelt.
Das Gesundheitssystem muss als ein Wirtschaftsmotor und nicht ausschließlich als ein Kostenfaktor angesehen werden.
Die Meinung, dass das Gesundheitssystem ausschließlich einen Kostenfaktor in unserem Staat darstellt, ist noch immer zu weit verbreitet. In dieser Diskussion wird der Beitrag vernachlässigt, den die vielseitigen Zweige der Gesundheitswirtschaft zum gesamtwirtschaftlichen Ergebnis leisten:
- Im Gesundheitswesen sind über 4,2 Millionen Menschen beschäftigt. Das sind zehn Prozent aller Beschäftigten in Deutschland! Diese Zahl nimmt trotz der schwierigen wirtschaftlichen Gesamtsituation noch immer zu.
- Der Gesundheitssektor macht rund 11,1 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Er ist also bedeutender als beispielsweise die Automobilindustrie (9,7 % des BIP).
- Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden führen zu einer Reduzierung von Fehlzeiten, verkürzen die Genesungszeiten der Patienten und ermöglichen es ihnen daher, schneller wieder am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Dies stellt auch einen Gewinn für die Volkswirtschaft insgesamt dar.
- Nutzen-Wirksamkeitseffekte – und damit auch Einsparpotenziale – beispielsweise von innovativen Medizintechnologien müssen deutlicher in den Vordergrund gestellt werden. Sie müssen als Investition in die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Menschen aufgefasst werden, denn sie begründen damit ein neues Verständnis von Gesundheitsversorgung durch bessere Behandlungsmöglichkeiten, kürzere Liegezeiten, geringere Behindertenraten und weniger Fehlzeiten.
- Die Medizinprodukteindustrie selbst ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor mit über 108.000 Arbeitsplätzen und einem deutschen Markt von rund 20 Mrd. Euro.
Die Gesundheitswirtschaft – insbesondere auch die Medizintechnologie – ist ein ernstzunehmender Wirtschaftsmotor, der das Potenzial hat, Deutschland aus der schwierigen wirtschaftlichen Lage herauszuhelfen. Im weiteren Zusammenwachsen der Märkte zu einem europäischen Markt könnte Deutschland aufgrund seiner qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung eine führende Rolle übernehmen. Die Probleme jedoch, unter denen das deutsche Gesundheitssystem leidet, sind vielfältig und erschweren die Übernahme dieser Führungsrolle. Das deutsche Gesundheitssystem bewegt sich zurzeit im Spannungsfeld zwischen Finanzierbarkeit auf der einen und qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung auf der anderen Seite. Es bedarf konsequenter pragmatischer Lösungen.
1. Herausforderungen
Aus der Sicht des BVMed lassen sich die Probleme, mit denen das deutsche Gesundheitssystem kämpft, wie folgt zusammenfassen:
1.1 Die demographische Entwicklung mit immer mehr und immer gesünderen älteren Menschen – der Anteil der über 65-Jährigen in der Bevölkerung wird von heute 18 % bis 2050 auf 30 % ansteigen – führt zu einer verstärkten Nachfrage nach innovativen Gesundheitsleistungen.
1.2 Gleiches gilt für den medizinisch-technologischen Fortschritt, der gerade in den letzten Jahren enorm zugenommen hat. Bei der Behandlung von Herzerkrankungen, Schäden am Bewegungsapparat und bei Augenleiden stehen heute Therapien zur Verfügung, die es vor zehn Jahren noch nicht gegeben hat.
1.3 Auch das nach wie vor nur wenig ausgeprägte gesundheitsbewusste Verhalten der Bevölkerung – Stichwort: zu wenig Eigenverantwortung – und der noch immer zu geringe Stellenwert der Prävention führen zu erhöhten Gesundheitsausgaben.
1.4 Die Gesetzliche Krankenversicherung hat ein Einnahmenproblem. Das liegt u. a. an der Kopplung der Beiträge an die Löhne, an der hohen Arbeitslosigkeit, der zunehmenden Frühverrentung und der sich dramatisch wandelnden Arbeitswelt. Das Solidarsystem, das im vorletzten Jahrhundert ursprünglich unter völlig anderen demographischen Voraussetzungen entstanden ist, hat durch diese Faktoren die Grenzen des Möglichen erreicht.
1.5 Die anhaltenden Einnahmenprobleme der Gesetzlichen Krankenversicherung und das Festhalten an der Maxime der Beitragssatzstabilität führen zu anhaltenden Budgetrestriktionen. Die Folge sind Rationierungen von Gesundheitsleistungen. Beispiele sind die europaweit sehr niedrigen Versorgungsraten mit Innovationen, wie dem medikamentfreisetzenden Stent, implantierbaren Defibrillatoren und Hirnschrittmachern für Parkinson-Patienten, sowie erhebliche Defizite in der Versorgung chronischer Wunden.
Im speziellen Bereich der Medizintechnologien ergeben sich zusätzliche Herausforderungen aufgrund einengender gesetzlicher Vorgaben und fehlender innovationsfreundlicher Rahmenbedingungen. Die aktuelle Situation stellt sich wie folgt dar:
- Der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Umsatz der Unternehmen der Medizintechnologie ist in den letzten fünf Jahren von 10 % auf 7 % gesunken. Das zeigt eine interne BVMed-Umfrage.
- Forschung und Entwicklung in der Medizintechnologie finden immer weniger in Deutschland statt. So herrscht beispielsweise in den USA ein wesentlich innovationsfreundlicheres Klima.
- Der Trend zur Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland – Osteuropa und Asien seien exemplarisch genannt – setzt sich fort. In Deutschland stagniert die Zahl der Arbeitsplätze in der Medizintechnologie mit 108.000 Stellen erstmals und ist sogar leicht rückläufig.
- Der Preisdruck auf die Unternehmen nimmt weiter zu, beispielsweise durch den weiterhin anhaltenden Strukturwandel im stationären und ambulanten Sektor sowie durch bürokratische, intransparente und teilweise willkürliche Preisfindungsmechanismen im Hilfsmittelbereich. Sinkende Unternehmenserlöse wirken sich wiederum negativ auf die Investitionen in Forschung und Entwicklung aus und können langfristig die Qualität der Patientenversorgung und den Umfang der Dienstleistungen und Bildungsangebote, die die Industrie anbietet, beeinträchtigen.
- Starre sektorale Budgets, Fehlanreize im Vergütungssystem und intransparente Technologiebewertungsverfahren führen dazu, dass Innovationen der Medizintechnologie verzögert eingeführt werden.
2. Leitsätze
Der BVMed unterstützt die auf der Ebene der Europäischen Union formulierte Gesamtstrategie zur Ausgestaltung der europäischen Gesundheitssysteme. Die Maßnahmenvorschläge des BVMed zur Weiterentwicklung des Gesundheitssystems (siehe Kapitel 4) basieren auf den folgenden drei Leitsätzen:
2.1 Alle Patienten müssen unverzüglich Zugang zur bestmöglichen medizinischen Versorgung erhalten.
2.2 Es muss eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung angeboten werden, die sich an den wissenschaftlichen Fortschritt und an die mit dem Alter entstehenden Bedürfnisse anpasst und die auf einer Bewertung ihres gesundheitlichen Nutzens beruht.
2.3 Das Ziel ist die Förderung einer hochwertigen Versorgung, um den Gesundheitszustand und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. Der Versorgung muss eine langfristige Finanzierbarkeit zugrunde liegen, wobei ein besserer Wirkungsgrad des Systems angestrebt wird.
3. Handlungsbedarf
Aus den oben genannten Problemen und Leitsätzen ergibt sich dringender und umfassender Handlungsbedarf. Der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) stellt zu den wichtigsten Themenbereichen seine politischen Vorstellungen und Appelle an die Entscheidungsträger im Gesundheitsmarkt vor.
3.1 Bedeutung von Medizintechnologien
Medizinprodukte sind unentbehrlich für die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen. Sie spielen eine wichtige Rolle in allen Bereichen des Gesundheitswesens: in der Prävention, der Diagnostik und der Therapie. Schon heute sorgen medizintechnologische Entwicklungen dafür, dass ein messbarer Beitrag zu größerer Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen erbracht wird.
Forschung und Entwicklung sind lebenswichtig für eine starke Wirtschaft. Die Unternehmen der Medizintechnologiebranche sind äußerst innovativ. Mit ihren Forschungsanstrengungen und ihren Drittmittelförderungen für forschende Krankenhäuser ermöglichen sie medizinischen Fortschritt und stärken den Forschungsstandort Deutschland.
Zusätzlich zum Patientennutzen und der Bedeutung als Wirtschaftsfaktor können innovative Medizintechnologien durch eine wirtschaftlichere Versorgung der Patienten dazu beitragen, die Mittel im Gesundheitswesen effizient und zielgerichtet einzusetzen, was gleichzeitig auch Produktivitätssteigerungen bedeutet. Ein Beispiel sind minimal-invasive Verfahren, die die Heilung beschleunigen und damit die Verweildauer von Patienten im Krankenhaus erheblich verkürzen. Innovative Medizintechnologien bringen damit auch der Wirtschaft einen Nutzen von Milliarden von Euro. Das zeigen zahlreiche neue Studien insbesondere aus den USA, die den Wert medizinischer Behandlungen u. a. durch die Erhöhung von Überlebensquoten und den Rückgang von Behinderungen belegen (MEDTAP 2004).
Investitionen in diese Produkte, Verfahren und Dienstleistungen sind Investitionen in die Gesundheit, die Leistungsfähigkeit und das Leben der Menschen. Dieses Bewusstsein muss in Deutschland vermehrt in den Vordergrund rücken.
3.2 Gesundheitspolitik
Der Gesundheitsmarkt wird sich zu einem Wachstumsmarkt entwickeln – bei dem die Politik die Rahmenbedingungen für ein weitgehend marktwirtschaftlich organisiertes Gesundheitssystem vorgeben sollte. Allein die demographische Entwicklung und die steigende Lebenserwartung sorgen für ein kontinuierliches Wachstum an gesundheitlicher Versorgung. Studien gehen davon aus, dass die Ausgaben ohne Berücksichtigung von Fitness, Wellness und Wohlbehagen bis zum Jahr 2020 von heute 234,2 Mrd. Euro auf ca. 500 Mrd. Euro wachsen werden. Infolge knapper werdender Ressourcen ist eine Neugewichtung von Eigenverantwortung, Subsidiarität und Solidarität als tragende Prinzipien des Gesundheitswesens vorzunehmen.
Es besteht weitgehend Konsens darüber, dass der medizinische und medizinisch-technische Fortschritt mit den endlichen Mitteln eines solidarischen Finanzierungssystems heutiger Art nicht leistbar ist. Im Interesse der Patienten wächst der Handlungsdruck der Politik, langfristige Aussagen zur Finanzierbarkeit und Zukunftssicherung des deutschen Gesundheitswesens vorzunehmen.
Wir müssen bereit sein, über optionale Finanzierungsmodelle in der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht nur nachzudenken, sondern sie auch einzuführen. Die Unternehmen der Medizinprodukte- und Medizintechnologiebranche sind bereit, sich konstruktiv zu beteiligen.
3.3 Fallpauschalensystem
Der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) unterstützt ausdrücklich die Weiterentwicklung des leistungsorientierten Fallpauschalensystems, um Wirtschaftlichkeit, Qualität, Effizienz und Transparenz der Versorgung zu erhöhen. Bis das "lernende System" aber ausreichend differenziert ist, um alle Leistungen sachgerecht abzubilden, müssen Übergangslösungen für die Konvergenzphase geschaffen werden, die der Logik des Fallpauschalensystems folgen.
Notwendigkeit einer vollständigen Erstattung des Sachkostenanteils
Im 2. Fallpauschalen-Änderungsgesetz ist ein Mechanismus vorgesehen, der es Krankenkassen und Krankenhäusern erlaubt, zusätzliche Leistungen im Einzelfall gesondert zu verhandeln. In der Praxis allerdings reicht diese Regelung nicht aus, um notwendige zusätzliche Versorgung sicherzustellen, und kann sogar zur Ausgrenzung von Medizintechnologien führen.
Die jetzige Form der jährlichen Anpassung der Basisfallwerte benachteiligt besonders aufwendige medizintechnologische Verfahren, da die Abhängigkeit vom jeweiligen Basisfallwert eines Hauses diese Technologien nicht sachgerecht abbildet. Die jährlichen Ausgleichsmechanismen und deren Umsetzung im Basisfallwert des Folgejahres ergeben Schwankungsbreiten, die sich unmittelbar negativ auf die Qualität der medizinischen Versorgung auswirken – nämlich überall dort, wo hohe Sachkosten die DRG steuern. Einen weiteren Einfluss nimmt jetzt die Einbeziehung von Zusatzentgelten auf der Basis bestehender Budgets. Auch von hier geht generell ein Absenkungseffekt der Gesamterlöse der DRG- Anteile aus.
Darüber hinaus weichen auch die vorgeschlagenen bzw. vereinbarten Landesbasisfallwerte erheblich von dem kalkulatorischen Anteil des Basisfallwertes des InEK ab. Eine sachgerechte erlösorientierte Berechnung der Sachmittel sowie deren vollständige Erstattung sind dabei nicht mehr zu erkennen.
3.4 Technologiebewertung bzw. "Health Technology Assessment" (HTA)
Technologiebewertung ist aus Sicht der Industrie richtig und notwendig. Eindeutige, aber auch sachgerechte Vorgaben, was man wie bewerten will, sind nötig. Wenn Technologiebewertung zum zügigen Zugang aller Patienten zu den medizinisch und ökonomisch sinnvollen Therapien führen soll, muss das System Transparenz und Offenheit besitzen, Mitsprache aller Beteiligten bei der Entscheidungsfindung und durch zeitliche Fristen zügiges Handeln ermöglichen. Bei den Beratungen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) ist daher eine Antrags-, eine Mitwirkungs- und eine Einspruchsmöglichkeit für die medizintechnologische Industrie unerlässlich.
Viele Innovationen finden zuerst im klinischen Alltag im Krankenhaus ihre Anwendung. Medizintechnologische Innovationen werden im Krankenhaus zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung vergütet, solange keine negative Entscheidung des G-BA vorliegt. Dieses Prinzip muss für den stationären Sektor auch weiterhin gelten, um innovative Medizintechnologien in Deutschland allen Patienten, die sie benötigen, ohne Zeitverzögerung zur Verfügung zu stellen.
Die Einführung von Innovationen in das System darf nicht durch unrealistische Vorgaben für die Vorlage von Evidenz behindert werden. Randomisierte kontrollierte klinische Studien sind für Medizintechnologien nicht in jedem Fall durchführbar oder ethisch.
Adäquate Evidenz zum Beweis der klinischen Effektivität einer Methode muss vorgelegt werden, jedoch muss die geforderte Evidenzstufe an die zu prüfende Technologie angepasst werden.
Klare zeitliche Rahmenbedingungen für alle Seiten würden zu zügigerem Abschluss der Bewertungen führen; ebenso muss Transparenz statt Diskussion hinter verschlossenen Türen stattfinden. Eine Beteiligung der Medizinprodukteindustrie durch entsprechende Mitwirkungsmöglichkeiten, wie es in anderen europäischen Ländern der Fall ist, würde die Sachkenntnis zeitnah bei den Beratungen des G-BA erhöhen.
- Der BVMed schlägt eine bessere Mitwirkungsmöglichkeit der Industrie bei den Technologiebewertungsverfahren durch eine fallbezogene Nennung eines medizinischen Experten vor. Des Weiteren sollte es Vertretern der Industrie sowie den Patientenvertretern gestattet sein, während der Entscheidungsfindung den Sitzungen des Ausschusses beizuwohnen. Hierdurch würde die Entscheidungsfindung offen gelegt und ein wichtiger Schritt hin zu mehr Transparenz und Akzeptanz wäre vollzogen.
- Die Verfahren müssen durch die Einführung einer Entscheidungsfrist – beispielsweise 6 Monate – beschleunigt werden. Im Sinne des Patientenschutzes sowie der Planungssicherheit für die Industrie darf es zu keiner vermeidbaren Verzögerung bei der Einführung innovativer Medizintechnologien kommen.
Die Bewertung von Medizintechnologien bzw. neuen Behandlungsmethoden muss europaweit akzeptiert werden. Die Unternehmen der Medizintechnologie sind immer mehr international tätig. Dies gilt mittlerweile ebenso für Patienten, die in zunehmendem Maße ihre Behandlung in anderen Ländern vornehmen lassen (cross-border care, z. B. Euregio). Es darf nicht sein, dass in Europa verschiedene Anforderungen an die Technologien und deren Bewertung gelten. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe für das Bundesgesundheitsministerium und die Kostenträger, auf einheitliche Kriterien in Europa hinzuwirken.
3.5 Hilfsmittelbereich
Der vom Gesetzgeber vorgegebene Mechanismus bei der Festbetragsfestsetzung für bundesweite Festbeträge führt zu weiteren Preisreduktionen. Es ist daher zu befürchten, dass die langfristige, intensive und individuelle Beratung der Betroffenen durch die Leistungserbringer nicht mehr im notwendigen Umfang erfolgen wird.
Leistungserbringer und Hersteller können nur dann betriebswirtschaftlich planen und sich auf Marktbedingungen einstellen, wenn sie auch eine verlässliche Kalkulationsgrundlage haben. Das gesetzlich vorgeschriebene Sachleistungsprinzip soll auch künftig erhalten bleiben. Festbeträge sollten nicht zu einem Zuschuss zu Hilfsmitteln verkümmern, sondern eine medizinisch sinnvolle und ausreichende Versorgung garantieren.
Die flächendeckende Hilfsmittelversorgung der Patienten und die bestehende Versorgungsqualität müssen langfristig gesichert werden. Die Finanzierbarkeit dieser Leistungsqualität ist nur in einem freien Wettbewerbsumfeld vieler Leistungserbringer gewährleistet. Bei der Erstellung von sinnvollen Qualitätsstandards ist der Sachverstand aller Leistungserbringer sowie der Industrie- und Handelsunternehmen einzubeziehen.
3.6 Homecare
Homecare ist die Betreuung und therapeutische Versorgung von Patienten mit beratungsintensiven Medizinprodukten in der häuslichen Umgebung.
Ziel sind die Steigerung der Lebensqualität und Mobilität sowie die Kostenersparnis durch Verkürzung oder Vermeidung von Krankenhausaufenthalten. Da Homecare ein recht junger Bestandteil im deutschen Gesundheitswesen ist, gibt es für diesen Bereich keine klaren gesetzlichen Regelungen. Homecare unterstützt medizinische Therapien, zählt somit zur Krankenbehandlung und sollte daher auch als notwendiger Leistungsbestandteil in die GKV integriert werden. In sektorübergreifenden Versorgungsformen (Integrierte Versorgung, Disease-Management-Programme) stellt Homecare ein wesentliches Bindeglied zwischen stationärer und ambulanter ärztlicher Patientenversorgung dar und sollte konsequenter in die Entwicklung der Anforderungen und Gestaltung dieser neuen Versorgungsformen einbezogen werden.
3.7 Ambulantes Abrechnungssystem
Das Vergütungs- und Abrechnungssystem sollte transparent gestaltet werden. Krankenversicherungen und Patienten sollten deutlich erkennen, worin die Behandlung bestand und wie viel hierfür im Einzelnen berechnet worden ist. Die Abrechnung der sonstigen Leistungserbringer muss kassenartenübergreifend einheitlich erfolgen, um den Verwaltungsaufwand zu minimieren.
In die Entscheidungen zur Entwicklung und Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und des eRezeptes müssen die sonstigen Leistungserbringer eingebunden werden.
Das derzeitige Punktsystem ist nicht sachgerecht. Ziel muss es sein, dass Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte für die erbrachten Leistungen eine leistungsorientierte Vergütung erhalten. Dafür kann es Richtlinien der einzelnen Versicherungen geben, die den Verträgen mit Leistungs¬erbringern als Standard zu Grunde gelegt werden. Die Vergütung ist als tatsächlicher Geldpreis in Euro und nicht als relativer Preis in Form von Punkten zu zahlen, um die Leistungsorientierung zu fördern.
Bestimmende Faktoren für die Preisfindung müssen Qualität und Art der erbrachten Leistung sein. Hier müssen auch Qualitätsstandards für Medizinprodukte einfließen. Es muss ein Wettbewerb entstehen, der den Einsatz kostensparender und innovativer Behandlungsmethoden fördert und die Effizienz der Gesundheitsversorgung erhöht.
3.8 Versorgungsforschung
Die bedarfsgerechte Versorgung chronisch Kranker ist eine zentrale Herausforderung alternder Gesellschaften. Die Leistungserbringer und Industrie- und Handelsunternehmen sehen die Notwendigkeit, sich intensiv mit der Effektivität diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen der Gesundheitsversorgung zu befassen, da hiervon Impulse bzw. Entwicklungsansätze für zukunftsorientierte Medizinprodukte ausgehen können. Die Grundlagen- und fachübergreifende Forschung, mit der die Kranken- und Gesundheitsversorgung und ihre Rahmenbedingungen kausal erklärt und weiterentwickelt werden, muss künftig einen größeren Stellenwert im Gesundheitswesen bekommen.
Aus Sicht der Industrie- und Handelsunternehmen wird mehr Versorgungsforschung benötigt, um die Gesamtkosten einer Therapie darstellen und so die individuellen Vorteile für Patienten und die Volkswirtschaft langfristig aufzeigen zu können.
3.9 Stärkung der Patientenrechte
"Patientenrechte müssen in der täglichen Praxis bei allen Beteiligten im Gesundheitswesen Berücksichtigung finden. Behandlung, Pflege, Rehabilitation und Prävention haben die Würde und Integrität des Patienten zu achten, sein Selbstbestimmungsrecht und sein Recht auf Privatsphäre zu respektieren. Der Patient hat Anspruch auf angemessene Aufklärung und Beratung sowie auf eine sorgfältige und qualifizierte Behandlung. Diagnostische und therapeutische Maßnahmen sind mit dem Patienten abzustimmen." (Quelle: BMGS)
Dies gilt in gleichem Maße für die Versorgung mit Medizinprodukten.
Die Leistungserbringer und die Industrie- und Handelsunternehmen unterstützen die vom Bundesgesundheitsministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung veröffentlichten Patientenrechte in Deutschland, in denen u. a. formuliert ist: "Medizinprodukte, die zur Behandlung eingesetzt werden, müssen die gesetzlich vorgeschriebenen Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen erfüllen. Dafür tragen die Hersteller, bei falscher ärztlicher Verordnung oder Anwendung auch der behandelnde Arzt oder das Krankenhaus, die Verantwortung."
Ziel muss eine vertrauensvolle Kooperation im Behandlungsverhältnis sein; dies erstreckt sich auch auf die Versorgung mit innovativen Medizinprodukten.
4. Grundlegende Elemente einer Reform
Damit die beschriebenen Wachstumspotenziale des Gesundheitssektors als wichtiger Teil der Volkswirtschaft realisiert werden können, schlägt der BVMed des Weiteren zusätzliche Elemente einer Reform des Gesundheitssystems vor:
4.1 Wir brauchen mehr Marktwirtschaft und Wettbewerb im Gesundheitswesen – beispielsweise durch kurzfristige Aufhebung des Kontrahierungszwanges und der Budgetierung.
4.2 Bürokratische Hemmnisse müssen abgebaut werden. Wir brauchen eine Deregulierungs-Offensive – beispielsweise durch weitestgehende Freiheit in der Vertragsgestaltung für alle Beteiligten des Gesundheitssystems (Leistungsanbieter, Kostenträger, Patienten, Industrie etc.).
4.3 Fehlanreize und Fehlallokationen von Ressourcen müssen durch eine größere Transparenz der Kosten- und Leistungsströme vermieden werden. Ein offener Umgang in der Diskussion um begrenzte Ressourcen ist wesentliche Voraussetzung für die klare Allokation von Gesundheitsleistungen.
4.4 Wir benötigen in den Vergütungsstrukturen eine ergebnisorientierte Bewertung von Leistungen, ohne die Kostenaspekte aus den Augen zu verlieren.
4.5 Wir benötigen neue, flexible und optionale Finanzierungsmodelle in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Dabei wird es notwendig werden, die Patienten stärker zu beteiligen. Wir müssen die Eigenverantwortung der Menschen für ihre Gesundheit stärken – beispielsweise durch die Einführung von Wahloptionen und Patientenautonomie unter Berücksichtigung sozialer Ausgleichsmechanismen.
4.6 Wenn der Patient mehr Eigenverantwortung übernehmen soll, benötigt er aber auch mehr Wahlmöglichkeiten im Gesundheitssystem. Im Zuge des Zusammenwachsens von Europa ist es dringend erforderlich, die Dienstleistungsfreiheit und die Wahlmöglichkeiten der Patienten in der Praxis umzusetzen.
4.7 Wir müssen messbare Gesundheitsziele erarbeiten und definieren. Im SGB V heißt es, dass die medizinische Versorgung ausreichend, bedarfsgerecht, human, aber auch wirtschaftlich sein muss. Aber was bedeutet ausreichend und wirtschaftlich? Die Aufgabe aller Beteiligten im Gesundheitswesen muss es sein, messbare Zielvorgaben zu erarbeiten, um die Erreichung der Ziele überprüfen zu können. Dies wird eine der großen, künftigen Herausforderungen sein.
4.8 Die Industrie- und Handelsunternehmen der Medizintechnologie benötigen mehr Planungssicherheit. Dies gilt vor allem für eine Branche, die in erster Linie von Forschung, Entwicklung und Innovationen lebt.
5. Fazit
Dem dynamischen Wandel der medizinischen Möglichkeiten und Dienstleistungen muss nun auch ein dynamischer Wandel des Gesundheitssystems folgen. Wir brauchen eine neue Gesundheitswirtschaft mit mehr wettbewerblichen Elementen. Deutschland sollte Vorreiter sein, das Zukunftspotenzial im Wachstumsmarkt Gesundheit nutzen und sich zu einem "Kompetenzzentrum Gesundheit" für Europa und angrenzende Regionen entwickeln. Wir müssen daher den Gesundheitsbereich als Wachstumsmarkt begreifen. Einzelne Bundesländer gehen hier schon mit gutem Beispiel voran.
Die Voraussetzungen, um diese Zukunftschancen zu nutzen, sind derzeit im deutschen Gesundheitssystem jedoch noch nicht gegeben. Mehr Wahlfreiheiten und Eigenverantwortung der Versicherten, verbesserte Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung sowie mehr Versorgungsforschung sind notwendig, um das Gesundheitssystem in Deutschland zu einer echten Gesundheitswirtschaft werden zu lassen.
Insgesamt benötigen wir ein innovationsfreundlicheres Klima, damit neue Behandlungsmethoden und Verfahren der Medizintechnologie schneller beim Patienten ankommen, wo sie Leben retten, Gesundheit erhalten und Lebensqualität verbessern.
Berlin, im August 2005
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Quellenverzeichnis:
- Studie zur Situation der Medizintechnik in Deutschland im internatonalen Vergleich, BMBF 2005-06-14
- The value of investment in health care, MEDTAP 2004
- Gesundheitsausgaben und Gesundheitspersonal 2001, Statistisches Bundesamt 2003
Neu: MedTech-Bilderwelten
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