Reden und Vorträge

„Medizintechnologien: Motor der Gesundheitswirtschaft“

Statement von Anton J. Schmidt
Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes
Medizintechnologie - BVMed
Vorsitzender der Geschäftsführung der ETHICON GmbH/Johnson & Johnson

zur MEDICA-PreView
am 29. September 2004 in Hamburg
9.15 bis 9.25 Uhr

Link: Pressetext zur Rede 

Anrede,

die MEDICA 2004 rückt näher und wird auch in diesem Jahr wieder zum Schaufenster der Welt für eine hoch innovative und überaus dynamische Branche. Der Bundesverband Medizintechnologie – kurz: BVMed – steht für über 200 Industrie- und Handelsunternehmen der Branche. Im BVMed sind deutsche, europäische und internationale Industrie- und Handelsunternehmen vereint.

Wir vertreten vorwiegend den Bereich der Verbrauchs- und Gebrauchsgüter. Unsere Produktbreite reicht vom Verbandmittel, Pflaster und Hilfsmittel zur Inkontinenz-, Stoma- oder Wundversorgung über Einmalprodukte wie Spritzen, Katheter und Kanülen bis zu Implantaten, also künstlichen Gelenken und Herzschrittmachern bis hin zum künstlichen Herz.


1. Besonderheiten der Branche

Ich möchte Ihnen einige Besonderheiten der Branche kurz vorstellen.

  • Ich sagte bereits: es ist eine dynamische und hoch innovative Branche. Mehr als die Hälfte des Umsatzes erzielen die Unternehmen mit Produkten, die nicht älter als zwei Jahre sind. Durchschnittlich werden rund 7 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung investiert. Der Forschungsstandort Deutschland spielt damit eine besonders wichtige Rolle. Aufgrund steigender Investitionskosten, kürzer werdender Produktlebenszyklen und der zum Teil langen Dauer bis zur Markteinführung bzw. Erstattungsfähigkeit ist jedoch das Forschungsrisiko gestiegen.
  • Medizintechnologien sind unentbehrlich für die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen. Sie spielen eine wichtige Rolle in allen Bereichen des deutschen Gesundheitswesens: in der Prävention, der Diagnostik, der Therapie und der Rehabilitation. Medizintechnologien begleiten uns durch alle Lebensphasen und helfen bei den unterschiedlichsten Krankheitsbildern. Sie sind nicht nur im hohen Alter unentbehrlich. Sie begleiten uns vielmehr durch alle Lebensphasen.
  • Medizintechnologien sind eine Investition in die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Menschen. Innovative Medizintechnologien sorgen sowohl für medizinischen als auch ökonomischen Fortschritt. Denn neue Behandlungsmethoden der Medizintechnologiebranche verkürzen die Genesungszeiten der Patienten und ermöglichen es ihnen daher, schneller wieder am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Dies stellt auch einen Gewinn für die Volkswirtschaft insgesamt dar.



2. Marktdaten der Medizinprodukteindustrie

Wie sieht nun der Markt für Medizinprodukte aus?

  • Der Weltmarkt für Medizintechnologien betrug 2003 rund 184 Mrd. Euro. Medizintechnologien sind damit weltweit ein wichtiger ökonomischer Faktor. 184 Mrd. Euro: Das entspricht beispielsweise dem Militärhaushalt der EU oder den weltweiten Ausgaben für TV-Werbung.
  • Der europäische Markt ist mit 55 Mrd. Euro nach den USA mit 79 Mrd. Euro der zweitgrößte Markt der Welt. Deutschland ist mit 19 Mrd. Euro als Einzelmarkt nach den USA und Japan weltweit der drittgrößte Markt und mit Abstand der größte Markt Europas. Er ist rund doppelt so groß wie Frankreich und rund drei Mal so groß wie Italien und Großbritannien.
  • Das durchschnittliche Wachstum des Weltmarktes für Medizinprodukte betrug 2003 nach Expertenschätzung rund 6 Prozent. Das entspricht auch ungefähr dem Marktwachstum in Japan und den USA.
  • Das Wachstum des Marktes für Medizinprodukte fällt in Deutschland mit rund 4,2 Prozent sowohl im weltweiten als auch im europäischen Bereich etwas geringer aus. Am stärksten wachsen derzeit die Märkte in China, Brasilien sowie Osteuropa.



3. Wirtschaftliche Lage der BVMed-Unternehmen

Wie ist nun die aktuelle wirtschaftliche Lage der BVMed-Unternehmen? Das erste Halbjahr 2004 war aufgrund der Auswirkungen der Gesundheitsreform wie erwartet schlecht. Die Statistik der gemeldeten Umsätze an den BVMed weist für die über 200 Mitgliedsunternehmen nur 1,3 Prozent Umsatzwachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum aus. Im ersten Halbjahr 2003 betrug das Umsatzplus noch 3,3 Prozent.

Besonders kritisch verläuft die Umsatzentwicklung im Hilfsmittelbereich, z. B. bei der Stoma- und Inkontinenzversorgung. Hier gingen die Zahlen im ersten Halbjahr 2004 um 1,5 Prozent zurück. Dies ist größtenteils auf die zurückgegangene Zahl der Arztbesuche und die Verunsicherung der verordnenden Ärzte durch die neuen Regelungen der Gesundheitsreform zurückzuführen.


4. Ergebnisse der aktuellen BVMed-Mitgliederbefragung

Die momentan schwierige Situation hängt sicherlich mit der Kopplung der Kasseneinnahmen an die Lohnentwicklung zusammen. Diese größte Schwäche unseres Gesundheitssystems muss durch die anstehende Gesundheitsreform beseitigt werden. Wir dürfen nicht mehr länger auf die GKV-Finanzen fixiert sein, sondern müssen den Blick für die dynamischen Chancen der Gesundheitswirtschaft öffnen.

Insgesamt schauen wir zuversichtlich in die Zukunft. Medizintechnologien bleiben ein Wachstumsmarkt: wegen der demographischen Entwicklung, wegen des rasanten medizinisch-technischen Fortschritts, wegen des gestiegenen Gesundheitsbewusstseins der Bevölkerung und der damit verbundenen Bereitschaft, auch künftig mehr in die eigene Gesundheit zu investieren.

Eine repräsentative Befragung bei den BVMed-Mitgliedsunternehmen Anfang September 2004 ergab ein zurückhaltendes, dennoch leicht optimistisches Bild. Für das Gesamtjahr 2004 erwarten die Unternehmen einen Umsatzzuwachs von durchschnittlich 3,4 Prozent beziffert. Rund 40 Prozent erwarten sowohl von der Gewinnsituation als auch von der Beschäftigtenzahl eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr. 30 Prozent sehen keine wesentliche Veränderung.

Dieser wirtschaftlichen Einschätzung liegen mehrere Hemmnisse zugrunde, die die Unternehmen wie folgt benennen:

77 Prozent bezeichnen den Preisdruck durch Einkaufsgemeinschaften als wichtigstes Hemmnis. Die anhaltende Budgetierung wird von 61 Prozent und das innovationsfeindliche Klima von 46 Prozent der Befragten genannt. 43 Prozent der Rückmeldungen bezeichnen die GKV-Finanzentwicklung als größtes Hemmnis für unsere Branche. Immerhin 37 Prozent nennen das DRG-System, das derzeit noch keine angemessene Lösung für Innovationen bietet.


5. Maßnahmen zur Förderung einer modernen Gesundheitswirtschaft

Auf der Grundlage unserer Mitgliederbefragung will ich fünf Bausteine auf dem Weg zu einer modernen Gesundheitswirtschaft nennen, die dazu beitragen sollen, die erwähnten Wachstumspotentiale des Gesundheitssektors zu nutzen:

1. Wir brauchen mehr Marktwirtschaft und Wettbewerb im Gesundheitswesen – beispielsweise durch kurzfristige Aufhebung des Kontrahierungszwanges und der Budgetierung.

2. Wir brauchen eine Deregulierungsoffensive! Bürokratische Hemmnisse müssen abgebaut werden – beispielsweise durch weitestgehende Freiheit in der Vertragsgestaltung für alle Beteiligten des Gesundheitssystems.

3. Wir benötigen in den Vergütungsstrukturen eine ergebnisorientierte Bewertung von Leistungen, ohne die Kostenaspekte aus den Augen zu verlieren. Dabei brauchen wir auch mehr Versorgungsforschung, um die Gesamtkosten einer Therapie darstellen zu können.

4. Wir benötigen neue, flexible und optionale Finanzierungsmodelle in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Dabei wird kein Weg daran vorbei führen, die Patienten stärker zu beteiligen. Wir müssen die Eigenverantwortung der Menschen für ihre Gesundheit stärken – beispielsweise durch eine Ausweitung von Selbstbeteiligung und Patientenautonomie unter Berücksichtigung sozialer Ausgleichsmechanismen. Wenn der Patient mehr Eigenverantwortung übernehmen soll, benötigt er aber auch mehr Wahlmöglichkeiten im Gesundheitssystem.

5. Wir benötigen eine innovationsfreundlichere Gestaltung des neuen DRG-Systems. Denn beim derzeitigen Fallpauschalenkatalog und den gesetzgeberischen Umsetzungsmechanismen sehen wir die Gefahr, dass aufgrund ökonomischer Zwänge das derzeitige Versorgungsniveau nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Das betrifft insbesondere Behandlungsmethoden mit hohem Sachkostenanteil, also Implantate. Um das Innovationspotential der Kliniken zu fördern, muss die so genannte „Innovationsklausel“, die ab 2005 gilt, überarbeitet werden. Hier wäre beispielsweise der Aufbau eines „Innovationsfonds“ denkbar, analog zum Modell der Anschubfinanzierung bei der Integrierten Versorgung.
 

Fazit:

Dem dynamischen Wandel der medizinischen Möglichkeiten und Dienstleistungen muss nun auch ein dynamischer Wandel des Gesundheitssystems folgen. Wir brauchen eine neue Gesundheitswirtschaft mit mehr wettbewerblichen Elementen, mehr Eigenverantwortung der Versicherten und ein innovationsfreundlicheres Klima für die Unternehmen, um die Chancen des Wachstumsmarktes Gesundheit besser zu nutzen.

Neue Behandlungsmethoden und Verfahren der Medizintechnologie müssen schneller beim Patienten ankommen, wo sie Leben retten, Gesundheit erhalten und Lebensqualität verbessern.

Was erwarten wir von der MEDICA? Wir erwarten einen weiteren Schub für die Innovationskraft der Branche! Wir brauchen Innovationen, denn sie sind der Motor der Gesundheitswirtschaft. Das wird Prof. Grönemeyer, der nachher zu uns sprechen wird, sicherlich genauso sehen.

Um zum Schluss in einem Bild zu sprechen: Wir singen keine Klagelieder. Wir wollen vielmehr gemeinsam daran arbeiten, dass wir mit den Partnern im Gesundheitswesen einen neuen Erfolgshit landen. Wir wollen an die Spitze der Charts. Und der Erfolgssong heißt: „Gesundheitswirtschaft in Deutschland: innovativ, kreativ, gut für den Patienten!“

Vielen Dank.


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